Jahresbericht 2013 / Programmausblick 2014

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Freunde der Josef Weinheber-Gesellschaft!

Der im letzten Jahresbericht angekündigte aktuelle Band unserer neu belebten Schriftenreihe, der „Literaturwissenschaftlichen Jahresgabe der Josef Weinheber-Gesellschaft“, ist erschienen. Im vergangenen Jahr konnte die Arbeit an dieser umfangreichen Sammlung von Aufsätzen und Editionen abgeschlossen werden. Wir freuen uns, Ihnen das fertige Buch in Verbindung mit diesem Schreiben bereits vorlegen zu können. Wie immer erhalten alle Mitglieder der Josef Weinheber-Gesellschaft ein Freiexemplar. Sie haben durch Ihren Mitgliedsbeitrag mitgeholfen, die kostspielige Drucklegung zu ermöglichen. Da wir bei unseren Publikationen ganz ohne Subventionen von öffentlicher Hand auskommen müssen, sind wir für Zuwendungen, die über den Mitgliedsbeitrag hinausgehen, freilich gerade im Hinblick auf solche Projekte sehr dankbar!

Der über 300 Seiten starke Dreifachjahrgang unserer Schriftenreihe möchte ein kräftiges Zeichen setzen, das für eine sachgerechte, sowohl von Sympathie als auch von kritischem Interesse und Differenzierungsvermögen getragene Befassung mit Josef Weinheber und dessen Epoche steht. Sie finden in dem Buch eine Reihe von literarhistorischen Darstellungen und Analysen, die sowohl Josef Weinheber selbst als auch „benachbarten“ Schriftstellern und dem literarischen Leben seiner bewegten Zeit gelten. Darüber hinaus aber bietet der Band auch Einsichten in wertvolle und aufschlussreiche Originalquellen, die zuvor noch nie das Licht der Öffentlichkeit erblickten. So ist etwa ein großer Abschnitt dem Briefwechsel gewidmet, den Weinheber mit einem faszinierenden Zeitgenossen, dem einzelgängerischen Dichterphilosophen Erwin Guido Kolbenheyer, führte. Weiters ist eine kleine Skizze zu finden, in der der Militärtierarzt Franz Huber die Erinnerungen an seine während des Krieges, vermutlich 1943, erfolgte Begegnung mit Josef Weinheber festhielt. Zum Andenken an das vor wenigen Jahren verstorbene Ehrenmitglied Friedrich Jenaczek ist ein umfangreicher Brieftraktat aufgenommen, den der große Weinheber-Philologe an den nach Jerusalem emigrierten Schriftsteller und Literaturgelehrten Werner Kraft richtete. Darin entfaltete er bereits 1963 die Grundzüge jener tief schürfenden Auseinandersetzung mit dem Werk Weinhebers (und Karl Kraus’), die ihn sein Leben lang begleiten sollte. Nicht zuletzt sei in diesem Zusammenhang noch auf ein besonderes Fundstück hingewiesen, das die neue „Jahresgabe“ bereithält: Es ist ein bisher unbekanntes, ergreifendes Totengedicht auf Josef Weinheber, das der niederösterreichische Arzt und Dichter Josef Weber-Wenzlitzke – nicht nur ein Jahrgangsgenosse, der mit dem berühmten Lyriker aus Kirchstetten persönlichen Umgang pflegte, sondern in manchem auch ein Seelenverwandter – kurz nach dem Ende des Krieges verfasste. Eine Niederschrift gelangte über den Antiquariatshandel glücklich in die Hände Ralf Gnosas, des Geschäftsführers der Paul Ernst-Gesellschaft, der uns in seinem Beitrag das Gedicht und den Autor Josef Weber näher bringt.

Ein Anhang zu dem neuen Band dokumentiert eine weniger erfreuliche Entwicklung, die uns durch das vergangene Jahr begleitete: die Kampagne gegen das Denkmal für Josef Weinheber, das 1975 von der Weinheber-Gesellschaft auf dem Schillerplatz bei der Akademie der bildenden Künste in Wien errichtet worden war. Im Sommer 2013 eskalierte der schon länger flackernde Streit, als eine Gruppe „antifaschistischer“ Kunststudenten den Sockel des Denkmals zum Zwecke einer „künstlerischen Intervention“ mutwillig bloßlegten. Sie wollten damit auf ihre an dem „Nazi-Dichter“ Josef Weinheber festgemachten „geschichtspolitischen“ Forderungen aufmerksam machen und einen radikaleren Umgang Wiens mit vermeintlichen Spuren unbewältigter Vergangenheit bewirken. Manche Medien nützten die erklärtermaßen widerrechtlich erfolgte, von der zuständigen Behörde selbstverständlich nicht genehmigte Nacht- und Nebel-Aktion, um die Aufregung zu schüren; einige Prominente und sogar ein Teil der Stadtverantwortlichen solidarisierte sich mit den Kulturkämpfern. Etwa zur gleichen Zeit präsentierte eine von der Stadt eingesetzte Projektgruppe um den Zeithistoriker Oliver Rathkolb unter großem medialen Aufsehen ihren Bericht über jene Straßenbenennungen Wiens, die aus ihrer Sicht in „geschichtspolitischer“ Verantwortung zu hinterfragen seien. Auch dabei geriet u. a. Josef Weinheber – nach dem ein unscheinbarer Platz in seinem Heimatbezirk Ottakring benannt ist – in den Fokus der Kritik.

Die Weinheber-Gesellschaft sah sich angesichts dieser Zuspitzungen zum Einschreiten genötigt. Die Zeugnisse ihrer Intervention sind im vorliegenden Band, gemeinsam mit einer Stellungnahme aus Anlass eines früheren Aufflammens der Denkmalsturz-Kampagne, abgedruckt. Ihr Offener Brief an den zuständigen Kulturstadtrat brachte in Verbindung mit einer energischen Fürsprache der Bezirksvorsteherin der Inneren Stadt, Ursula Stenzel, im Frühherbst 2013 erste Gespräche mit dem Büro des amtsführenden Stadtrats für Kultur und Wissenschaft, Dr. Andreas Mailath-Pokorny. Dessen zuständige Mitarbeiter äußerten Bedauern über die voreilige Solidaritätsadresse des Stadtrats zugunsten des als Kunst verbrämten Vandalismusaktes. Man gestand auch ein, sich vor den einschlägigen Presseerklärungen nicht über Herkunfts- und Besitzverhältnisse des Denkmals orientiert zu haben. Den Vertretern der Weinheber-Gesellschaft sicherte man nun zu, künftig keinerlei Entscheidungen und Maßnahmen in der Sache des Denkmals am Schillerplatz ohne Einbindung des Stifters und Errichters zu unterstützen oder zu betreiben.

Zugleich machte man aber klar, dass die Absicht der Stadtregierung aufrecht bleibe, das Denkmal einer „kritisch kontextualisierenden“ Adaption zu unterziehen, sei es bloß durch Errichtung einer erläuternden „Zusatzttafel“, sei es im Zuge des Programms „Kunst im öffentlichen Raum“ (KÖR), also durch eine weitere, womöglich dauerhafte „künstlerische Intervention“. Die Vertreter der Weinheber-Gesellschaft äußerten ihre grundsätzliche Diskussionsbereitschaft und erklärten sich willens, an einer von Verständnis und Sachverstand getragenen Lösung des Konflikts mitzuarbeiten. Sie stellten jedoch ihrerseits klar, dass aus ihrer Sicht nicht daran zu denken sei, das Denkmal dazu zur Verfügung zu stellen, dass sich an ihm in plakativer Weise der zeitgeistige Vergangenheitsbewältigungsfuror austoben könne, sodass alles darauf hinausliefe, an Weinheber ein politisches Exempel in eigener Sache zu statuieren. Den Überlegungen, das Monument in das städtische „KÖR“-Programm einzubeziehen, stehen wir in Anbetracht dessen skeptisch bis ablehnend gegenüber.

Hingegen wurde noch im Herbst ein von der Gesellschaft erarbeiteter erster Entwurf für eine Inschrift, die auf einer etwaigen separaten Informationstafel auf der Grünfläche neben dem Denkmal anzubringen wäre, den Referenten des Stadtrats vorgelegt. Die von deren Seite angekündigten weiterführenden Gespräche haben bis jetzt allerdings nicht stattgefunden. Unser Textvorschlag bemüht sich vor allem um sachgerechte Abwägung. Er muss versuchen, einerseits unser eigentliches Interesse, die gesamtheitliche Perspektive auf den heute ja kaum noch bekannten Dichter, zu wahren und andererseits die politisch-historische Problematik, um die es den Vertretern der Stadtregierung geht, auf den Punkt zu bringen, und zwar so, dass es mit der unbedingt gebotenen Umsicht geschieht. Die schwierigen und vielschichtigen Verhältnisse sind ja gerade nicht an einem Schwarz-Weiß-Schema festzumachen und in wenigen Sätzen entsprechend schwer zu vermitteln:

Josef Weinheber, geboren am 9. 3. 1892, gestorben am 8. 4. 1945, ehemaliger Waisenhauszögling aus der Wiener Vorstadt Ottakring, entwickelte seit Anfang der zwanziger Jahre seine Poetik des „reinen Gedichts“. Seine lyrischen Hauptwerke standen im Zeichen eines an Karl Kraus geschulten „Sprachgewissens“ und knüpften an den „Zeitkampf“ der „Fackel“ an („Adel und Untergang“, 1934, „Späte Krone“, 1936). In seiner beliebten Sammlung „Wien wörtlich“ (1935) entwarf Weinheber in der Tradition Nestroys ein lyrisches Porträt der Stadt, ihrer Typen, Landschaften und Szenerien. Dem radikalen Formbewusstsein entsprach das Bekenntnis zu einem tragischen Humanismus: Durch Sprache wird der Mensch „eine geistige Wirklichkeit“; Kunst in sprachvergessener, tatberauschter Zeit ist „Dienst im aufgelösten Heiligtume“.

Anfang der 1930er Jahre sympathisierte Weinheber mit einer „nationalen Revolution“, von der er sich vor allem kulturpolitisch die Überwindung des verachteten Systems erhoffte. Er war zeitweilig Mitglied der NSDAP und engagierte sich bei dem Versuch, österreichische Schriftsteller in deren Umfeld zu versammeln. Obzwar rasch ernüchtert, von der völkischen Ideologie und deren literarischer Doktrin („Blut und Boden“) abgestoßen, löste er sich doch zeitlebens nicht mehr von diesem Lager. In seinen Büchern blieb er kompromisslos und stellte dem „grässlichen Herrn der Erde“ sein Ideal vom „Menschen der Mitte“ entgegen. Dem „Anschluss“ Österreichs an Hitler-Deutschland im März 1938 begegnete Weinheber bereits mit Ablehnung, über den Verlauf zeigte er sich entsetzt. Von äußeren und inneren Zwängen genötigt, fand er sich danach dennoch immer wieder bereit, Auftragstexte zu offiziellen politischen Anlässen zu verfassen („Hymnus auf die Heimkehr“, 1938, „Wien an den Führer“, 1943, etc.). Er ließ sich ehren und feiern.

Trotzdem empfand er seinen späten Ruhm von Anfang an als „Mißverständnis“: „Ich mußte, seitdem ich berühmt bin, dem Mob aller Schattierungen meinen Tribut zahlen. Gleichwohl weiß ich um meine Substanz. Sie ist umschrieben mit: Einsamkeit, Urangst, Frömmigkeit.“ Seine letzten Gedichtzyklen („Zwischen Göttern und Dämonen“, 1938, „Kammermusik“, 1939, „Hier ist das Wort“, postum 1947) betonen den Widerspruch zu jener Welt. Sie bezeugen eine unabhängige menschliche und künstlerische Haltung sowie eine ebenso zeit- wie selbstkritische Geistigkeit. Josef Weinheber starb, zerrüttet und verzweifelt, an einer Überdosis Morphium.

Es sollte allen Freunden Josef Weinhebers und ganz besonders den Mitgliedern und Mitwirkenden in der Josef Weinheber-Gesellschaft ein dringendes Anliegen sein, für das Verständnis einzutreten, das Werk und Persönlichkeit unseres Dichters verdienen, das diesen aber in einer auf Schlagwörter und Klischees konzentrierten Öffentlichkeit zusehends verweigert wird. Unterstützen Sie daher bitte unsere Bemühungen um Aufklärung und kompetente Einflussnahme auch in dieser bedauerlichen Angelegenheit!

In diesem Sinne dürfen wir das an den Schluss des letzten Jahresrundbriefs gestellte Bekenntnis wiederholen: Wir wollen gemeinsam, aber auch jeder für sich mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln und Möglichkeiten für eine erweiterte Wertschätzung und vertiefte Kenntnis der Gestalt unseres Dichters eintreten! Auch heuer sei daran der Hinweis geknüpft: Über aktuelle Pläne und Veranstaltungen zum Thema Josef Weinheber informieren Sie nicht nur unsere brieflichen Aussendungen, sondern auch das „Weinheber-Forum“ im Internet, das Sie unter der Adresse https://weinheberforum.wordpress.com erreichen. Dort finden Sie nicht nur die von der Weinheber-Gesellschaft selbst gestalteten Programmpunkte und alle unsere Mitteilungen laufend angezeigt, sondern auch Hinweise auf verschiedene Veranstaltungen aus den erweiterten Kreisen der Weinheber-Pflege. Gerne können Sie uns zu diesem Zweck auch auf Ihnen bekannte weitere Vorträge, Lesungen oder Aufführungen aufmerksam machen (E-Mail-Kontakt: information@weinheber.at)!

Zu guter Letzt dürfen wir um Überweisung des Mitgliedsbeitrages bitten, der auch für 2014 mit € 21,90 unverändert bleibt. Für jede Überzahlung oder Spende sind wir, wie anfangs erwähnt, überaus dankbar. Bankdaten: IBAN: AT 736 000 000 007 777 752, BIC: OPSKATWW (Josef Weinheber-Gesellschaft, Kirchstetten).

Mit lieben Grüßen

Christian Weinheber-Janota e. h. (Präsident)

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