1939 – Ein deutscher Literaturherbst

Neuerscheinungen im Schatten des Krieges von Ernst Jünger bis Josef Weinheber

Vortrag und Lesung von Dr. Christoph Fackelmann und Harald Cajka
Donnerstag, 21. November 2019, 17:30 Uhr (s. t.)
Volksbildungskreis Wien, Prinz-Eugen Straße 44, 1040 Wien

Veranstaltet in Zusammenarbeit mit dem Volksbildungskreis (Tel. 01 5059660). Eintritt frei.

Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren hielt heuer Politik und Medien in Atem. Von einem echten Bemühen, das damalige Geschehen und die Epoche zu verstehen, ist bei solchen Gedenkritualen freilich nichts zu bemerken. Unser Vortrag setzt daher einen Kontrapunkt zu der lauten, aber längst zur geschichtspolitischen Herrschaftsroutine verkommenen Beschwörung des verheerenden Ereignisses. Er fragt nach, welche Lebenszeichen das geistige Deutschland in jenem ersten Kriegsherbst gegeben hat. Und da zeigt sich, dass gerade in diesen vom Verhängnis überschatteten Monaten eine beachtliche Zahl weithin bedeutender literarischer Taten gesetzt wurde. Einige Beispiele greifen wir heraus und stellen sie näher vor: Ernst Jüngers legendäre Erzählung „Auf den Marmorklippen“, Ernst Wiecherts großen Zeitroman „Das einfache Leben“, Reinhold Schneiders bewegende Geschichtsnovelle „Elisabeth Tarakanow“, Gerhart Hauptmanns dramatische Dichtung „Die Tochter der Kathedrale“ sowie lyrische Hauptwerke zweier Österreicher: Friedrich Sachers „Buch der Mitte“ und Josef Weinhebers „Kammermusik“. Bei allem Abstand, ja Widerspruch zur Welt der Nachfahren stimmten diese Neuerscheinungen und Uraufführungen aus dem Herbst 1939 weder in eine Kriegshysterie ein, noch redeten sie dem Regime nach dem Mund. Einige der Bücher gelten sogar als zentrale Beiträge zur „Inneren Emigration“. Vor allem aber beweisen sie einen faszinierenden künstlerischen und menschlichen Reichtum, der zur Wiederentdeckung einlädt.

„Seht, ich bin ein Kind! Ich bin der Krieg.“ Zeichnung von Josef Weinheber, dat. 18. 4. 1943

Weinheber in Kirchstetten – Lesung 2019

„Ach, ich Österreicher!“

Ulli Fessl und Kurt Hexmann
lesen Josef Weinheber

Musikalisches Programm:
Junko Tsuchiya (Klavier), Taner Türker (Cello)

Sonntag, 10. November 2019, 15:00 Uhr
Festsaal des Amtshauses der Marktgemeinde Kirchstetten
Wienerstraße 32, A-3062 Kirchstetten

Veranstaltet in Zusammenarbeit mit der Marktgemeinde Kirchstetten (Tel.: 02743 8206).
Eintritt: € 12.,-
Buffet mit Weinkost

Zur Einführung in das diesjährige Programm:

Satire und Polemik regieren diesmal die traditionelle Herbstlesung in der Weinheber-Gemeinde Kirchstetten: Josef Weinheber hat seine Erfahrungen als Österreicher – Beobachtungen leidvoller, wunderlicher und lachhafter Art – zeitlebens in scharfzüngigen Versglossen und Spruchgedichten festgehalten. Er begleitete damit die gesellschaftlichen und politischen Wandlungen von der Zeit des Ersten Weltkriegs bis in die dreißiger und vierziger Jahre. Die Auswahl ist mit einem Seitenblick auf unsere heutige Misere getroffen. Da offenbart sich manche Gemeinsamkeit, und man staunt über viele Konstanten: So glorreich ist unsere fortschrittsstolze Gegenwart nämlich nicht, dass sie sich über den zielsicheren Spott und die hellsichtigen Befunde Weinhebers erhaben glauben dürfte.

Das Programm umfasst Texte vielfältigen Charakters – vom eher derben Mundartgedicht bis zur anspruchsvollen Ode in antiken Metren. Die Gedichte stammen aus dem nachgelassenen „Glossarium“, aus „Adel und Untergang“, „Späte Krone“ und „Wien wörtlich“. Neben Weinheber kommen auch Karl Kraus, Stefan George und Rudolf Borchardt zu Wort. Sogar eine bitterböse Szene aus den „Letzten Tagen der Menschheit“ ist eingebaut.

An der Seite Ulli Fessls gibt heuer der Wiener Schauspieler Kurt Hexmann, bekannt vom Theater sowie aus Film und Fernsehen, sein Debüt als Weinheber-Interpret. Im musikalischen Part setzen Junko Tsuchiya und Taner Türker, die zum zweiten Mal die Gestaltung übernommen haben, auf große Klänge und feinsinnige Kontraste: mit Kompositionen von Johann Sebastian Bach bis Fritz Kreisler.

Josef Weinheber, Karikatur von B. F. Dolbin (1926)

„… und ich geh zurück an mein Gebet“

Gedichte des Glaubens und der Gottsuche von Georg Trakl und Karl Kraus
Vortrag und Lesung: Dr. Christoph Fackelmann und Wolfgang Vasicek

Samstag, 12. Oktober 2019, 17:00 Uhr
Begegnungszentrum Quo vadis?, Stephansplatz 6, 1010 Wien
(Zugang über die Passage zwischen Stephansplatz und Wollzeile)

Veranstaltung im Rahmen der Reihe „Gedichte hören“, in Zusammenarbeit mit der Kulturinitiative „consideratio“. Eintritt frei.

Diese Lesung knüpft an die Veranstaltung vom 9. März 2019 an, die sich unter demselben Thema Josef Weinheber und Reinhold Schneider widmete. Diesmal werden zwei Schriftsteller vorgestellt, die für Weinhebers künstlerisches Selbstverständnis große Bedeutung besaßen.

Georg Trakl (1887–1914) und Karl Kraus (1874–1936) gelten heute als zwei überragende Erscheinungen der österreichischen Klassischen Moderne. Unter dem Aspekt der Gottsuche und des religiösen Ringens werden sie allerdings nur noch selten gerühmt. Trakl, der Dichter des Verfalls und der Todesnähe, hat eine faszinierende Bildmelodie entwickelt, die dunkel und fast unzugänglich erscheint. Sie kommt jedoch ohne eine tief im Christlichen verankerte Symbolik nicht aus, spricht von „Offenbarung“ und „Passion“, beschwört eine „geistliche Dämmerung“ und preist den „süßen Gesang der Auferstandenen.“ Kraus steht als der unerbittliche Satiriker der „Letzten Tage der Menschheit“ vor Augen, als Kämpfer gegen die „schwarze Magie“ des modernen Journalismus, die über Geist und Seele herrscht. Kaum jedoch ist bekannt, dass er auch reine Lyrik geschrieben hat, noch weniger, dass viele seiner schönsten lyrischen Gedichte eine leidenschaftliche Glaubenskraft atmen: „Nicht Gott, nur alles leugn’ ich, was ihn leugnet, / und wenn er will, ist alles wunderbar.“

Wolfgang Vasicek und Christoph Fackelmann bringen ausgewählte Gedichte aus „Sebastian im Traum“ (1915) und den späten „Brenner“-Veröffentlichungen von Georg Trakl sowie aus den „Worten in Versen“ (1916–1930) von Karl Kraus zu Gehör. Die Lesung lässt die beiden Autoren, die einander sehr schätzten, in einen poetischen Dialog eintreten.

Weitere Informationen finden Sie hier.

 

Georg Trakl (1887-1914)

 

Karl Kraus (1874-1936)