Jahresbericht 2021 / Programmausblick 2022

Kirchstetten, Anfang Februar 2022

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Mitglieder und Freunde der Josef Weinheber-Gesellschaft!

Auch das vergangene Jahr bot für das Kulturleben in Österreich kaum Raum zur Entfaltung. Die gesundheitspolitischen Maßnahmen der Bundesregierung gestatteten es vor allem kleinen, gemeinnützigen Initiativen wie der unsrigen, deren organisatorisches wie materielles Fundament von jeher zum behutsamen Haushalten zwingt, nicht, ihr Veranstaltungsprogramm in gewohnter Form aufrechtzuerhalten. Starke Einschränkungen blieben auch 2021 unausweichlich.

Eine nachgeholte Gedenkmatinee

Glücklicherweise erlaubte es uns ein kurzes Zeitfenster im Frühherbst, währenddessen die pandemiebedingten Auflagen etwas gelockert waren, wenigstens eine Veranstaltung nachzuholen, die uns sehr am Herzen lag. Im Jahr 2020 hatten wir eine Lesung zur Würdigung des 75. Todestages von Josef Weinheber vorgesehen, die zunächst, noch in gutem Glauben, für April angekündigt worden war, um später noch an zwei Terminen im November zu einem Versuch anzusetzen. Jedesmal hatte uns das Verordnungsregime einen Strich durch die Rechnung gemacht; ärgerliche Verschiebungen und schließlich die Absage angesichts des trostlosen „Lockdowns“ waren die Folge gewesen.

Am 17. Oktober 2021 gelang es nun, das Programm von 2020, das an den Tod des Dichters erinnerte, in Gestalt einer Sonntagsmatinee doch noch nachzuholen. Den glänzend disponierten Vortragskünstlern Ulli Fessl und Kurt Hexmann sowie der Geigerin Valbona Naku war es zu danken, dass die Matinee ein wirklich gelungenes Ereignis wurde. Unter dem Weinheber-Motto „Jeder Blick verschwamm, da Abend war …“ brachte es nicht nur ein würdiges Totengedenken, sondern nach der Pause zum Ausgleich auch einen Ausflug in das Reich des Wiener Humors. Das gemeinsam mit dem Verein Muttersprache, dem Volksbildungskreis Wien und der Kulturinitiative „consideratio“ im Flemings Selection Hotel Wien-City verwirklichte Programm stieß auf große Zustimmung beim Publikum (u. a. berichtete die Wochenzeitung Zur Zeit vom 23./29. 10.).

75 Jahre Hier ist das Wort

Auch zur Stunde ist noch immer nicht abzusehen, ob und in welchem Maße der Verlauf der „Corona-Krise“ es uns heuer ermöglichen wird, Einladungen auszusprechen und öffentliche Veranstaltungen durchzuführen. Ich muß mich daher hier damit begnügen, einige Eckpunkte zu skizzieren:

Ein großes Anliegen ist es uns, die traditionelle Herbstlesung im Gemeindesaal von Kirchstetten 2022 nach zweijähriger Unterbrechung wieder aufleben zu lassen. Es böte sich auch ein schöner Anlass für einen Programmschwerpunkt: Heuer vor 75 Jahren erschien Josef Weinhebers letzter Gedichtband, Hier ist das Wort. Dieses Buch hatte der Dichter noch zu Lebzeiten fertiggestellt, aber erst zwei Jahre nach seinem Tod brachte es seine Witwe im Verlag Otto Müller in Salzburg heraus. Es hatte sich die wahrhaft große und ernste Aufgabe gesetzt, „die Substanz des abendländischen Gedichts noch einmal darzustellen, bevor sie vom allgemeinen Untergang des Geistes absorbiert wird“ (Brief an Martin Sturm, 3. 3. 1945). Ein Umbruchexemplar des vom Krieg verhinderten Erstdrucks mit seinen Letztkorrekturen gab Weinheber bei dem Maler Werner Berg, dem das Werk gewidmet war, in Obhut. Es ist ein echtes Rarum und befindet sich im Besitz unserer Gesellschaft. Die Vorderseite des vorliegenden Falters zeigt das Vorsatzblatt mit Weinhebers Imprimatur-Vermerk vom 29. 9. 1944.

Außerdem plant die Familie Weinheber-Janota für den Sommer einen kleinen, regelrecht „exklusiven“ Empfang im Weinheber-Haus in Kirchstetten. Es ist daran gedacht, zu „Brot und Wein“ mitsamt einer „Spezialführung“ durch die Gedenkräume und zum Dichtergrab sowie einer kleinen Lesung aus dem Werk Josef Weinhebers zu laden − immer vorausgesetzt, dass sich derartige gesellige Zusammenkünfte dann bereits ohne allzu große Auflagen realisieren lassen. Die Einladung soll sich vor allem an jene Mitglieder richten, die unsere Tätigkeit über die vergangenen Jahre mit außergewöhnlichen Zuwendungen unterstützt haben. Auch an neue Interessenten will sie sich wenden.

Wenn die Pläne spruchreif werden, werden wir Sie selbstverständlich wieder mit eigenen Aussendungen informieren. Auch können Sie jeweils auf unserer Netzseite http://www.weinheber.net aktuelle Mitteilungen lesen.

Marzik, Artmann, Weinheber und das Wienerlied

Während also über dem aktuellen Veranstaltungsprogramm noch das eine oder andere Fragezeichen steht, freut es mich umso mehr, Sie auch heuer mit einer Jahresgabe überraschen zu dürfen, die sich sehen − oder in diesem Fall besser: hören − lassen kann. Gemeinsam mit diesem Bericht erhalten Sie eine Audio-CD-Edition der Formation „Gemischter Satz“, gebildet aus dem Bassisten Günther Groissböck, dem Tenor Karl-Michael Ebner und dem Schauspieler, Kabarettisten und Autor Christoph Wagner-Trenkwitz als Rezitator. Das Anfang des vergangenen Jahres im Beethovensaal der Pfarrei Heiligenstadt aufgenommene Projekt beschreibt sich mit folgenden Worten: „Diese Doppel-CD verbindet vier verschiedene Ausdrucksformen der Wiener Seele: Duette, Lieder, Mundartliteratur und Schrammelmusik, die allesamt ihren Ursprung in der Wiener Heurigenkultur haben und bei aller Vielfalt und Unterschiedlichkeit für das stehen, was Wien musisch ausmacht. Es ist ein glücklicher Zufall, wenn ein gefeierter Opernbassist wie Günther Groissböck und ein ebenso populärer Tenor wie Karl-Michael Ebner eine Freundschaft entwickeln und ihre gemeinsame Liebe zum Wienerlied, Wiens einzigartigem musikalischen und soziokulturellen Phänomen, entdecken. Umso mehr, wenn dies zu einer Albumproduktion wie der vorliegenden führt, die zusätzlich gesprochene Einlagen enthält – witzige, aber auch pointierte, bissige und sarkastische Wiener Gedichte von Trude Marzik, Josef Weinheber und H. C. Artmann, mit viel Charme von Christoph Wagner-Trenkwitz gelesen –, dazu fesselnde Instrumentalstücke der Philharmonia-Schrammeln.“

Diese beiden Tonträger − wir zählen sie bereits als Jahresgabe für 2023, weil unsere letztjährige, die Gedichtauswahl Urtatsachen, für 2021 und 2022 galt − mögen ein helles und fröhliches Licht in unseren gegenwärtig ja nicht gerade von Hoffnung und Zuversicht durchfluteten Alltag werfen. Die Liste auf der nächsten Seite, die über die Jahresgaben der letzten beiden Jahrzehnte informiert (siehe hier), unterstreicht hoffentlich, dass die Josef Weinheber-Gesellschaft trotz ihren alles in allem recht bescheidenen Möglichkeiten eine Tätigkeit entfalten konnte, die sich in puncto Qualität und Kontinuität nicht zu verstecken braucht.

Das haben wir aber nicht zuletzt der von unseren Mitgliedern und Mitarbeitern geschaffenen Basis zu verdanken, und wir müssen alles versuchen, um es fortzusetzen. Bitte bleiben Sie unserem Forum daher auch weiterhin gewogen, und werben Sie dafür, wo immer sich Gelegenheit bietet!

Im Namen des gesamten Vorstands der Josef Weinheber-Gesellschaft wünsche ich Ihnen ein gutes Jahr 2022 und verbleibe mit herzlichen Grüßen

Ihr

Dr. Christoph Fackelmann e. h.

Präsident der Josef Weinheber-Gesellschaft

Hier finden Sie die vollständige Fassung des Jahresberichts im Original-Falterformat als PDF zum Herunterladen.

Widmungen für Josef Weinheber

Zum Gedenken des Todestages von Josef Weinheber, der sich morgen, am 8. April 2020, zum 75. Mal jährt, gibt die Josef Weinheber-Gesellschaft heuer wieder eine gedruckte Jahresgabe heraus. Mit ihr setzen wir zugleich unsere Reihe „Contineri Minimo“ fort, in der Raum für besondere Veröffentlichungen ist, die nicht für den breiten Buchhandel bestimmt sind.

Unter dem Titel „Widmungen. Ausgewählte Buchinschriften aus Josef Weinhebers Arbeitsbibliothek“ versammelt das neue Bändchen eine erste Auswahl von Widmungseinträgen aus Buchgeschenken, die zum erhaltenen Bestand der Dichterbibliothek in Kirchstetten gehören. Hier gibt es nicht nur berühmte Namen und unerwartete Beziehungen, sondern auch hochinteressante Geschichten zu entdecken. Die Hochschätzung für Josef Weinheber verbindet die vielfältigen Texte und Anlässe. In der Edition stehen den photographischen Reproduktionen der handschriftlichen Zueignungen jeweils eine sorgfältige Transkription und eine kurze historische Erläuterung gegenüber.

Bücher folgender Autoren werden in diesem Bändchen vorgestellt: Otto Weininger, Christian Morgenstern, Albrecht von Blumenthal, Theodor Haecker, Max Stefl, Egon Fenz, Ernst Jünger, Romano Guardini, Josef Sellmair, Bruder Sonka (Hugo Sonnenschein), Hans Leifhelm, Erwin Guido Kolbenheyer, Franz Theodor Csokor, Dr. Owlglass (Hans Erich Blaich), Heinrich Suso Waldeck (Augustin Popp) und Ina Seidel.

Das Heft ist druckfertig – bis auf einige kleine Nachträge, die sich wegen der behördlichen Einschränkungen zur Bekämpfung der sogenannten COVID-19-Pandemie derzeit verzögern. Als Erscheinungstermin ist daher erst Mitte Mai vorgesehen. Alle Mitglieder der Josef Weinheber-Gesellschaft erhalten ein kostenloses Exemplar. Für Nicht-Mitglieder besteht die Möglichkeit, das Heft um einen Selbstkostenpreis von € 5,00 (+ Porto) zu bestellen, telefonisch unter: +43 (0)2743 8989 oder per E-Mail an: weinheberforum@aon.at

Hier finden Sie das Inhaltsverzeichnis, die Vorbemerkung und eine Leseprobe (Albrecht von Blumenthal: Griechische Vorbilder, Geschenk von Othmar Haeller 1930) (PDF).

Widmungen. Ausgewählte Buchinschriften aus Josef Weinhebers Arbeitsbibliothek
Bearbeitet von Christoph Fackelmann
(Contineri Minimo. Texte aus der Josef Weinheber-Gesellschaft, Zweite Folge)
Kirchstetten-Wien: Mai 2020, Privatdruck für Freunde der Josef Weinheber-Gesellschaft
36 Seiten, geheftet, zahlreiche SW-Abbildungen

Neue Bücher, die mit Weinheber aufwarten

Verwiesen auf die eigenen vier Wände, sind diese Tage der Ausgangsbeschränkungen, des allgemeinen Alarmismus und der sozialen Kontaktsperren für uns die ideale Zeit zum Lesen, für Aufbrüche des Geistes und der Phantasie. Ganz frisch im Buchhandel sind zwei Bücher, die sich auch mit Josef Weinheber befassen. Wir legen sie den Weinheber-Freunden nachdrücklich ans Herz.

Das erste ist ein kultureller Reiseführer aus der beliebten Serie „111 Orte“ des Emons Verlags. Er trägt den Titel „111 Orte im Wienerwald, die man gesehen haben muss“. Die Autorin Sabine M. Gruber, die selbst in der Wienerwaldgemeinde Klosterneuburg lebt, hat für ihre vielfältigen und originellen Ausflugsempfehlungen, die der Verlag mit der Schlagzeile „Wildnis, wahre Kleinode und Kuriositäten“ bewirbt, auch dem Weinheberhaus in Kirchstetten einen Besuch abgestattet. Sie porträtiert das Landhaus, den einstigen Aigenhof, in dem seit 1937 Josef Weinheber seine Sommer verbrachte. Hier entstanden einige seiner bedeutendsten Werke; am Rande des großen Gartens liegt er begraben. Heute wohnt die Familie seines Sohnes Christian in dem Anwesen, und es gibt bereits eine Urenkelin des Dichters. Liebevoll und gastfreundlich wird das Andenken des Dichters aufrecht erhalten.

Das zweite Buch hat stärker gelehrten Charakter. Band 1 des neugeschaffenen „Lepanto-Almanachs“ führt in die Literaturgeschichte der Zwischenkriegszeit, und zwar aus christlicher Perspektive: In ihm sind Studien und Skizzen über Themen des Schreibens, Dichtens und Denkens versammelt, die dem gemeinsamen Bereich von Religion und Kunst entstammen und dem literarischen Niederschlag der abendländischenen Glaubenstradition nachspüren. Ein Schwerpunkt wendet sich dabei dem Dichter und historischen Schriftsteller Reinhold Schneider zu. In dem Grundlagen-Beitrag, der den Band eröffnet, interpretiert Christoph Fackelmann Gedichte von Reinhold Schneider, Francis Thompson, Karl Kraus und Josef Weinheber. Der Titel markiert die thematische Klammer: „Sprache, Form und die Fragwürdigkeit menschlichen Schöpfertums. Über die Spur der babylonischen Revolte in der neueren Literaturgeschichte“. Weinheber ist mit dem 1943 geschriebenen „Schlußghasel“ aus „Hier ist das Wort“ vertreten, in vielerlei Hinsicht ein echtes Vermächtnisgedicht.

Sabine M. Gruber: 111 Orte im Wienerwald, die man gesehen haben muss.
Broschur, ca. 240 Seiten, mit zahlreichen Forografien
ISBN 978-3-7408-0844-0, € 17,50 (AUT), € 16,95 /D)
http://www.emons-verlag.de

Klappentext: Von der Donau bis zum Gölsen-Triesting-Tal und vom Wiener Becken bis zum Tal der Traisen erstreckt sich der Gebirgszug des Wienerwalds. Hier findet man noch erstaunlich viel Wildnis, sogar in der pulsierenden Hauptstadt selbst, die größtenteils in dem nach ihr benannten Wald liegt. Auf Schritt und Tritt begegnet man Spuren aus mehr als 2.000 Jahren österreichischer Geschichte. Wahre Kleinode und Kuriositäten gibt es da zu entdecken, magische Kunst- und Kultorte, Zeugen alten Handwerks und früher Industrie, gigantische Wasserbauwerke, seltene Tiere, geheime Naturwunder, versteckte Ruinen, verblüffende Aussichtspunkte und Orte, die an schillernde Persönlichkeiten erinnern. Schon der Weg von einem Ort zum anderen wird zum Erlebnis. Und überall warten Geschichten, die sich zu Geschichte verweben.

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Lepanto-Almanach 2020_Cover

Michael Rieger, Till Kinzel, Christoph Fackelmann (Hrsg.): Lepanto-Almanach. Jahrbuch für christliche Literatur und Geistesgeschichte
Bd. 1 (2020), Schwerpunkt: Reinhold Schneider
Broschur, 264 S., Abbildungen
ISBN 978-3-942605-12-0, € 15,30 (AUT), € 14,80 € (D)
http://www.lepanto-verlag.de

Klappentext: Mit dem ersten Band des „Lepanto-Almanachs“ setzt der Lepanto Verlag, bekannt für Bücher zu theologischen, philosophischen und kirchengeschichtlichen Themen, einen neuen kulturellen Akzent: Als „Jahrbuch für christliche Literatur und Geistesgeschichte“ konzipiert und von den Literaturwissenschaftlern Michael Rieger, Till Kinzel und Christoph Fackelmann herausgegeben, liegt der Fokus hier auf dem Schreiben selbst. Einerseits sollen die historischen Schätze einer Literatur auf christlich-abendländischem Fundament diskursiv in Erinnerung gerufen werden, und andererseits will man auch nach den prekären Spielräumen christlich inspirierter Kunst und christlicher Autorschaft in unserer Zeit fragen. Der erste Band bietet u. a. einen Schwerpunkt zu Reinhold Schneider (1903–1958), einem zentralen Repräsentanten des deutschen „Renouveau catholique“.