Jahresbericht 2021 / Programmausblick 2022

Kirchstetten, Anfang Februar 2022

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Mitglieder und Freunde der Josef Weinheber-Gesellschaft!

Auch das vergangene Jahr bot für das Kulturleben in Österreich kaum Raum zur Entfaltung. Die gesundheitspolitischen Maßnahmen der Bundesregierung gestatteten es vor allem kleinen, gemeinnützigen Initiativen wie der unsrigen, deren organisatorisches wie materielles Fundament von jeher zum behutsamen Haushalten zwingt, nicht, ihr Veranstaltungsprogramm in gewohnter Form aufrechtzuerhalten. Starke Einschränkungen blieben auch 2021 unausweichlich.

Eine nachgeholte Gedenkmatinee

Glücklicherweise erlaubte es uns ein kurzes Zeitfenster im Frühherbst, währenddessen die pandemiebedingten Auflagen etwas gelockert waren, wenigstens eine Veranstaltung nachzuholen, die uns sehr am Herzen lag. Im Jahr 2020 hatten wir eine Lesung zur Würdigung des 75. Todestages von Josef Weinheber vorgesehen, die zunächst, noch in gutem Glauben, für April angekündigt worden war, um später noch an zwei Terminen im November zu einem Versuch anzusetzen. Jedesmal hatte uns das Verordnungsregime einen Strich durch die Rechnung gemacht; ärgerliche Verschiebungen und schließlich die Absage angesichts des trostlosen „Lockdowns“ waren die Folge gewesen.

Am 17. Oktober 2021 gelang es nun, das Programm von 2020, das an den Tod des Dichters erinnerte, in Gestalt einer Sonntagsmatinee doch noch nachzuholen. Den glänzend disponierten Vortragskünstlern Ulli Fessl und Kurt Hexmann sowie der Geigerin Valbona Naku war es zu danken, dass die Matinee ein wirklich gelungenes Ereignis wurde. Unter dem Weinheber-Motto „Jeder Blick verschwamm, da Abend war …“ brachte es nicht nur ein würdiges Totengedenken, sondern nach der Pause zum Ausgleich auch einen Ausflug in das Reich des Wiener Humors. Das gemeinsam mit dem Verein Muttersprache, dem Volksbildungskreis Wien und der Kulturinitiative „consideratio“ im Flemings Selection Hotel Wien-City verwirklichte Programm stieß auf große Zustimmung beim Publikum (u. a. berichtete die Wochenzeitung Zur Zeit vom 23./29. 10.).

75 Jahre Hier ist das Wort

Auch zur Stunde ist noch immer nicht abzusehen, ob und in welchem Maße der Verlauf der „Corona-Krise“ es uns heuer ermöglichen wird, Einladungen auszusprechen und öffentliche Veranstaltungen durchzuführen. Ich muß mich daher hier damit begnügen, einige Eckpunkte zu skizzieren:

Ein großes Anliegen ist es uns, die traditionelle Herbstlesung im Gemeindesaal von Kirchstetten 2022 nach zweijähriger Unterbrechung wieder aufleben zu lassen. Es böte sich auch ein schöner Anlass für einen Programmschwerpunkt: Heuer vor 75 Jahren erschien Josef Weinhebers letzter Gedichtband, Hier ist das Wort. Dieses Buch hatte der Dichter noch zu Lebzeiten fertiggestellt, aber erst zwei Jahre nach seinem Tod brachte es seine Witwe im Verlag Otto Müller in Salzburg heraus. Es hatte sich die wahrhaft große und ernste Aufgabe gesetzt, „die Substanz des abendländischen Gedichts noch einmal darzustellen, bevor sie vom allgemeinen Untergang des Geistes absorbiert wird“ (Brief an Martin Sturm, 3. 3. 1945). Ein Umbruchexemplar des vom Krieg verhinderten Erstdrucks mit seinen Letztkorrekturen gab Weinheber bei dem Maler Werner Berg, dem das Werk gewidmet war, in Obhut. Es ist ein echtes Rarum und befindet sich im Besitz unserer Gesellschaft. Die Vorderseite des vorliegenden Falters zeigt das Vorsatzblatt mit Weinhebers Imprimatur-Vermerk vom 29. 9. 1944.

Außerdem plant die Familie Weinheber-Janota für den Sommer einen kleinen, regelrecht „exklusiven“ Empfang im Weinheber-Haus in Kirchstetten. Es ist daran gedacht, zu „Brot und Wein“ mitsamt einer „Spezialführung“ durch die Gedenkräume und zum Dichtergrab sowie einer kleinen Lesung aus dem Werk Josef Weinhebers zu laden − immer vorausgesetzt, dass sich derartige gesellige Zusammenkünfte dann bereits ohne allzu große Auflagen realisieren lassen. Die Einladung soll sich vor allem an jene Mitglieder richten, die unsere Tätigkeit über die vergangenen Jahre mit außergewöhnlichen Zuwendungen unterstützt haben. Auch an neue Interessenten will sie sich wenden.

Wenn die Pläne spruchreif werden, werden wir Sie selbstverständlich wieder mit eigenen Aussendungen informieren. Auch können Sie jeweils auf unserer Netzseite http://www.weinheber.net aktuelle Mitteilungen lesen.

Marzik, Artmann, Weinheber und das Wienerlied

Während also über dem aktuellen Veranstaltungsprogramm noch das eine oder andere Fragezeichen steht, freut es mich umso mehr, Sie auch heuer mit einer Jahresgabe überraschen zu dürfen, die sich sehen − oder in diesem Fall besser: hören − lassen kann. Gemeinsam mit diesem Bericht erhalten Sie eine Audio-CD-Edition der Formation „Gemischter Satz“, gebildet aus dem Bassisten Günther Groissböck, dem Tenor Karl-Michael Ebner und dem Schauspieler, Kabarettisten und Autor Christoph Wagner-Trenkwitz als Rezitator. Das Anfang des vergangenen Jahres im Beethovensaal der Pfarrei Heiligenstadt aufgenommene Projekt beschreibt sich mit folgenden Worten: „Diese Doppel-CD verbindet vier verschiedene Ausdrucksformen der Wiener Seele: Duette, Lieder, Mundartliteratur und Schrammelmusik, die allesamt ihren Ursprung in der Wiener Heurigenkultur haben und bei aller Vielfalt und Unterschiedlichkeit für das stehen, was Wien musisch ausmacht. Es ist ein glücklicher Zufall, wenn ein gefeierter Opernbassist wie Günther Groissböck und ein ebenso populärer Tenor wie Karl-Michael Ebner eine Freundschaft entwickeln und ihre gemeinsame Liebe zum Wienerlied, Wiens einzigartigem musikalischen und soziokulturellen Phänomen, entdecken. Umso mehr, wenn dies zu einer Albumproduktion wie der vorliegenden führt, die zusätzlich gesprochene Einlagen enthält – witzige, aber auch pointierte, bissige und sarkastische Wiener Gedichte von Trude Marzik, Josef Weinheber und H. C. Artmann, mit viel Charme von Christoph Wagner-Trenkwitz gelesen –, dazu fesselnde Instrumentalstücke der Philharmonia-Schrammeln.“

Diese beiden Tonträger − wir zählen sie bereits als Jahresgabe für 2023, weil unsere letztjährige, die Gedichtauswahl Urtatsachen, für 2021 und 2022 galt − mögen ein helles und fröhliches Licht in unseren gegenwärtig ja nicht gerade von Hoffnung und Zuversicht durchfluteten Alltag werfen. Die Liste auf der nächsten Seite, die über die Jahresgaben der letzten beiden Jahrzehnte informiert (siehe hier), unterstreicht hoffentlich, dass die Josef Weinheber-Gesellschaft trotz ihren alles in allem recht bescheidenen Möglichkeiten eine Tätigkeit entfalten konnte, die sich in puncto Qualität und Kontinuität nicht zu verstecken braucht.

Das haben wir aber nicht zuletzt der von unseren Mitgliedern und Mitarbeitern geschaffenen Basis zu verdanken, und wir müssen alles versuchen, um es fortzusetzen. Bitte bleiben Sie unserem Forum daher auch weiterhin gewogen, und werben Sie dafür, wo immer sich Gelegenheit bietet!

Im Namen des gesamten Vorstands der Josef Weinheber-Gesellschaft wünsche ich Ihnen ein gutes Jahr 2022 und verbleibe mit herzlichen Grüßen

Ihr

Dr. Christoph Fackelmann e. h.

Präsident der Josef Weinheber-Gesellschaft

Hier finden Sie die vollständige Fassung des Jahresberichts im Original-Falterformat als PDF zum Herunterladen.

Jahresbericht 2020 / Programmausblick 2021

Kirchstetten, Ende Jänner 2021

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Mitglieder und Freunde der Josef Weinheber-Gesellschaft!

Das vergangene Jahr ist wohl an keinem von uns spurlos vorübergegangen. Ein gesundheitspolitischer Ausnahmezustand von bislang ungekannten Ausmaßen hielt das gesamte öffentliche Leben fest im Griff und zog bis weit in persönlichste Belange hinein seine Kreise. Unter diesen Umständen war an ein kulturelles Leben in gewohnter Form nicht zu denken, ja, der Zusammenbruch des kulturellen Veranstaltungswesens ‒ von den großen Theatern bis hinunter zu den kleinen privaten Initiativen ‒ zählte zu den ersten „Kollateralschäden“ der „Corona-Krise“.

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Grabstätte des Dichters im Garten des Weinheberhauses, Kirchstetten/NÖ, Aufnahme von April 2020

Absagen, Absagen, Absagen …

Das musste auch die Josef Weinheber-Gesellschaft schweren Herzens hinnehmen. Mit besonderen Plänen waren wir in das Jahr gestartet, in dem es der 75. Wiederkehr des Todestages von Josef Weinheber zu gedenken galt (siehe oben, Foto der Grabstätte im Garten des Weinheberhauses, Kirchstetten/NÖ, April 2020) Aber all unsere Ambitionen, diesen feierlichen Anlass auch in einer angemessenen Form künstlerisch zu würdigen, erwiesen sich schließlich als hinfällig. Zunächst waren wir gezwungen, die festliche Matinee im April abzusagen. Hier hätten Martin Haidinger und Ingomar Kmentt in Wort und Ton Proben aus Weinhebers Wiener Lyrik zum Besten geben sollen. Die Vorbereitungen waren weit gediehen, als uns der erste „Lockdown“ einen Strich durch die Rechnung machte. Neben anderen Veranstaltungen fiel dann auch die traditionelle Kirchstettener Lesung mit Ulli Fessl und Kurt Hexmann ins Wasser. Unser Versuch, mit dem bereits sorgfältig ausgearbeiteten Programm, das ebenfalls an den Tod des Dichters erinnern sollte, nach Wien auszuweichen und es wenigstens in kleinerem Rahmen aufzuführen, musste auch aufgegeben werden, als uns im November der nächste „Lockdown“ ereilte.

Und da wir heute, ein Jahr nach Ausbruch der Krise, immer noch nicht wissen, ob und wann künstlerische Veranstaltungen, Lesungen und Vorträge wieder stattfinden dürfen, können wir Ihnen vorerst keine neuen Termine ankündigen. Es wäre einfach mit zu großen Ungewissheiten behaftet, zum jetzigen Zeitpunkt bereits wieder konkrete Planungen aufzunehmen.

Eine neue Jahresgabe

Es freut uns jedoch, dass wir im vergangenen Jahr unseren Mitgliedern zumindest auf dem Gebiet der gedruckten Veröffentlichungen eine Erinnerungsgabe zum 75. Todestag überreichen konnten. Der kleinen Sammlung Widmungen, die denkwürdige Funde aus der Arbeitsbibliothek des Dichters dokumentierte, folgte indes kurz vor Weihnachten, also gerade noch rechtzeitig vor dem Ende des Gedenkjahres, eine weitere Publikation. Wir dürfen sie unseren Mitgliedern gemeinsam mit diesem Bericht als gedruckte Jahresgabe vorlegen, gezählt für die Jahrgänge 2021/22. Das neue Buch geht auf die überraschende Initiative des Thüringischen Schriftstellers und Verlegers Uwe Lammla (Arnshaugk Verlag) zurück, dem es ein großes Anliegen war, dem lyrischen Programm seines Hauses einen Band Weinheber hinzuzfügen. Bei Arnshaugk wurden bereits einige Auswahlbände von bedeutenden Lyrikern verlegt, die zu den Zeitgenossen Weinhebers zählen, so etwa von Jochen Klepper, Fritz Usinger, Oda Schaefer, Horst Lange und Karl Wolfskehl, dem Weggefährten Stefan Georges. In diese respektable Gesellschaft trat nun also auch Josef Weinheber mit einer Auswahl aus seinem lyrischen Gesamtwerk ein.

Der Titel des Bandes, Urtatsachen, spielt auf ein brühmtes Bekenntniswort des Dichters an, in dem er sein Schaffen unter die Maxime des „Gestaltens aus den Urtatsachen der Sprache“ rückte. Es ging um eine dichte und konzise, zugleich bibliophil angelegte Auslese. Sie ist so konzipiert, dass es kaum Überschneidungen mit dem 2017, aus Anlass des 125. Geburtstags vorgelegten Auswahlband Ich werde wieder sein, wenn Menschen sind gibt und dennoch ein vollwertiges Bild entsteht, das überdies mit stärkeren Akzenten auf dem zyklischen Charakter vieler Schöpfungen Weinhebers eine besondere Note aufweist. Die Gedichte ergänzt eine Rede Weinhebers aus dem Jahr 1937, ein wichtiges Zeugnis seines Selbstverständnisses, das für den Band erstmals in vollständiger Fassung rekonstruiert wurde.

Gemeinsame Leidenschaft für Weinheber

Wenn also die Weinheber-Gesellschaft im vergangenen Jahr, anderweitig zur Inaktivität gezwungen, auf publizistischem Gebiet erfreuliche Signale setzen konnte, so soll nicht vergessen werden, dass es auch in dieser überschatteten Zeit immer wieder anerkennenswerte Bemühungen zu verzeichnen galt, die Erinnerung an den Dichter und sein Werk aufrechtzuerhalten: durch materielle Zuwendungen, die unserer Gesellschaft die Arbeit erleichterten, durch persönliche Initiativen verschiedenster Art oder einfach durch fruchtbares künstlerisches Interesse. Ich nenne stellvertretend die Namen Ingomar Kmentt, Peter Steinbach, Wolfgang Schulz („Döblinger Heimat-Kreis“), Mag. Harald Mortenthaler, Mag. Alexander Martin Pfleger, Wolfgang Vasicek („Consideratio“) sowie unser im November leider verstorbenes Mitglied Harald Cajka („Volksbildungskreis“, siehe das Foto unten). Wir sind und bleiben auf solche Bereitschaft angewiesen!

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Harald Cajka (3. 9. 1933 – 28. 11. 2020)

Ich kann mich in diesem Bericht etwas kürzer fassen, weil aus den genannten Gründen noch keine neuen Veranstaltungen zu vermelden sind. Wir informieren Sie selbstverständlich, sobald neue Einladungen ausgesprochen werden können. Jedoch möchte ich die Gelegenheit nützen, um noch etwas anderes anzusprechen: Unsere Gesellschaft erhält immer wieder kleinere und größere Bestände von Weinheber-Literatur aus aufgelassenen Bibliotheken von verstorbenen Weinheber-Freunden ‒ Ausgaben seiner Werke ebenso wie Schriften über ihn. Wir möchten diese Bücher an Interessierte weitergeben und müssen in der Regel nicht mehr als die Übernahme der Portokosten verrechnen. Gerne teilen wir auf Anfrage aktuelle Titellisten mit.

Nun wünsche ich Ihnen ein trotz allem hoffnungsfrohes Jahr 2021 und verbleibe im Namen der Josef Weinheber-Gesellschaft
mit herzlichen Grüßen
Ihr
Dr. Christoph Fackelmann
Präsident der Josef Weinheber-Gesellschaft

Hier finden Sie die vollständige Fassung des Jahrersberichts im Original-Falterformat als PDF zum Herunterladen.

Jahresbericht 2019 / Programmausblick 2020

Kirchstetten, Anfang Februar 2020

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Mitglieder und Freunde der Josef Weinheber-Gesellschaft!

Das Jahr 2020 steht für unseren Kreis im Zeichen der 75. Wiederkehr des Todestages von Josef Weinheber. Am 8. April 1945 kehrte der von Nervenzerrüttung und Depressionen geplagte Dichter aus dem durch Morphium induzierten Schlaf nicht mehr ins Leben zurück. Am 10. April, inmitten der Wirren der letzten Kriegstage, begrub man ihn am Rande seines Gartens.

Erinnerung an den 75. Todestag

Wir wollen dieses Datums unter anderem mit einer festlichen Veranstaltung in Wien, der Heimatstadt Josef Weinhebers, gedenken: Am 26. April 2020 laden wir unter dem Motto „Ein årmer Dichter, wenig nur bekannt …“ zu einer Sonntagsmatinee in den Festsaal des Hotels Fleming’s Selection Wien-City, Josefstädter Straße 10-12, 1080 Wien (Beginn: 11:00 Uhr, Eintritt für Mitglieder: € 10, für Gäste: € 12; im Anschluss Gelegenheit zu Speis und Trank im Restaurant des Hotels).

Martin Haidinger wird Wiener Gedichte von Josef Weinheber stimmlich in Szene setzen. Für den musikalischen Teil wird Ingomar Kmentt mit Gesang und Gitarre sorgen. Dr. Christoph Fackelmann wird das Programm gestalten und einführende Worte sprechen.

Kartenreservierungen sind unter der Telefonnummer +43 (0)2743 8989 oder der E-Mail-Adresse weinheberforum@aon.at möglich, Tischreservierungen für das Restaurant unter der Telefonnummer +43 (0)1 205 99 DW 1916. Eine offizielle Einladung wird unseren Mitgliedern noch gesondert zugehen.

Wir haben uns entschossen, in dieser Gedenkveranstaltung einen Ton anzuschlagen, der Weinhebers eigenen Intentionen gerechter wird als ein Rückblick auf ein zerstörtes Leben in finsterer Zeit. Sicherlich darf es bei einem solchen Anlass nicht an ernsten Kontrapunkten fehlen, aber im Mittelpunkt sollen diesmal ganz bewusst der große Humor, die Satire und der liebevollen Sprachwitz stehen, mit dem Weinheber „Alt-Wien“ ein Denkmal setzte und „Neu-Wien“ einen Spiegel vorhielt. Das Motto, die Anfangsworte aus dem berühmten Leitspruch zu Wien wörtlich, lassen sich so auch als ein ironischer Seitenhieb auf die tatsächliche Ignoranz auffassen, die Weinheber im heutigen, ganz und gar „neuen“ Wien entgegentönt.

Als er noch lebte …

Ein Nachklang zu dem Gedenken steht am Donnerstag, den 14. Mai 2020, auf dem Programm: An diesem Tag laden wir unter dem Titel „Was vom Dichter blieb …“ zu einer kleinen Autographenschau im Zeichen Josef Weinhebers (Ort: Weinhebersaal des Volksbildungskreises, Prinz-Eugen-Straße 44, 1040 Wien, Beginn: 17:30 Uhr,
T: +43 (0)1 5059660; Eintritt frei).

Dabei wird Dr. Christoph Fackelmann gemeinsam mit dem Stuttgarter Autographensammler Mag. Hans-Ulrich Kopp interessante Briefe, seltene Manuskripte und weitere überraschende Fundstücke präsentieren, die einen ganz besonderen Eindruck von Leben und Schaffen des Dichters vermitteln. Sogar ein bislang unbekanntes Werk des Malers Weinheber wird zu bewundern sein (ein Foto der Landschaftsminiatur ziert die Titelseite dieses Falters). Wir nähern uns dem Künstler also über eine Auswahl wertvoller Lebenszeugnisse, die sich erhalten haben.

Auf weitere Termine werden wir Sie wie gewohnt in unseren Aussendungen und auf dem „Weinheber-Forum“ im Internet aufmerksam machen. Wenn sie rechtzeitig fertig wird, können wir unseren Mitgliedern im Gedächtnismonat April auch eine neue Jahresgabe vorlegen: eine weitere Ausgabe unserer Kleinschriftenreihe Contineri Minimo, die ausgewählte Widmungen für Josef Weinheber aus dessen Bibliothek vorstellt: von Christian Morgenstern bis Dr. Owlglass, von Heinrich Suso Waldeck bis Romano Guardini und von Wilhelm Szabo bis Rose Ausländer.

Weinheberiana 2019

Das vergangene Kalenderjahr brachte für die Freunde Josef Weinhebers Licht und Schatten. Wir blicken auf eine Reihe gelungener Veranstaltungen zurück, unter denen der herbstliche Nachmittag in der Weinheber-Gemeinde Kirchstetten herausragt (s. Foto unten). Dieser 10. November − Motto: „Ach, ich Österreicher!“ − brachte das Debüt des Wiener Schauspielers und Vortragskünstlers Kurt Hexmann an der Seite Ulli Fessls, zog zahlreiche Besucher an und wurde ein großer Erfolg, nicht zuletzt auch dank der feinsinnigen musikalischen Begleitung von Junko Tsuchiya und Taner Türker.

Einige kleinere Lesungen und Vorträge rundeten das Jahresprogramm der Weinheber-Gesellschaft vielfältig ab, darunter ein zweiteiliger Zyklus über „Gedichte des Glaubens und der Gottsuche“ im Rahmen der Lyrik-Reihe der Kulturinitiative „consideratio“ im Begegnungszentrum „Quo vadis“ auf dem Wiener Stephansplatz (9. 3. und 12. 10. 2019).

Der Unterzeichnete sprach außerdem wieder bei verschiedenen Anlässen in akademischem Rahmen über Josef Weinheber, so etwa an der Theologischen Hochschule Trumau (4. 5. 2019; hier das Video) und an der Universität Pécs / Fünfkirchen (10. 5. 2019). Ende des vergangenen Jahres erschien mit der 70. Lieferung des von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften herausgegebenen Österreichischen Biographischen Lexikons 1815−1950 (auch im Internet zugänglich: http://www.biographien.ac.at) der von ihm verfasste Eintrag zu Weinheber. Diese biographische Skizze bemüht sich um möglichste Objektivität auf knappstem Raum.

Eine Lektion in „Geschichtspolitik“

Das Streben nach Sachlichkeit und historischem Verständnis, das solche und ähnliche Versuche leitet, ist indes etwas, was den Machenschaften rund um das Denkmal für Josef Weinheber auf dem Schillerplatz im 1. Wiener Gemeindebezirk völlig abgeht. Nur als Farce kann unter vernünftigen Gesichtspunkten verbucht werden, dass die Stadtregierung im Frühjahr 2019 grünes Licht (und öffentliches Geld) für die Umgestaltung des von der Weinheber-Gesellschaft im Jahr 1975 gestifteten Erinnerungszeichens zu einem „antifaschistischen“ Mahnmal gab. Unter der Ägide der neuen Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler und unter kräftigem Beifall einiger Vertreter der intellektuellen Nomenklatura ließ man das Fundament des Denkmals ausheben und dieses selbst schief stellen. Diese „permanente Intervention“ soll symbolisch sichtbar machen, dass die Stadt die Schatten des Bösen in ihrer Geschichte, repräsentiert durch die blinde Verehrung für den hier verewigten Dichter, viel zu lange verdrängt habe. Eine Art Warntafel „informiert“ nun die Passanten über das vermeintliche Monument unbewältigter Vergangenheit. Abgesehen von seinen NS-Verstrickungen, werden Weinheber darauf auch sein „antimodernes Genius-Ideal“ und „seine übersteigerte Männlichkeit“ [sic!] zur Last gelegt.

Der Inhalt der Tafel ist ebenso wie das Konzept der Umgestaltung geistig nicht satisfaktionsfähig, vielmehr Ausdruck des deplorablen, ja geradezu erbärmlichen Zustands, in dem sich die Kulturöffentlichkeit der Bundeshauptstadt seit längerem befindet. Welche Blüten das treibt, demonstriert, dass die Stadtregierung das Recht zu dem Eingriff in das Denkmalensemble ausgerechnet jener „Plattform Geschichtspolitik“ übertrug, die für frühere Akte des Vandalismus gegen das Denkmal verantwortlich gezeichnet hatte, teils persönlich, teils über ihr Milieu. Nun ließe sich über den Denkmalkult früherer Zeiten oder auch ‒ mutatis mutandis ‒ unserer Gegenwart auf anderem Niveau sicher trefflich streiten. Mit ihrer Entscheidung aber erteilte die Stadtregierung dem aggressiven Kulturkampf einer Gruppe den offiziellen Sanktus, die unter dem Vorwand des Nazijägertums gegen eine besonnene, ideologiefreie, ungezwungene Erinnerung an all jene Teile der Wiener Kulturgeschichte vorgeht, die ihrer antibürgerlichen, wenn nicht explizit linksradikalen Agenda im Wege stehen.

Die Weinheber-Gesellschaft als Errichterin des Denkmals wurde − entgegen früheren Zusagen − überhaupt nicht in die Entscheidung einbezogen, ja nicht einmal vom Vollzug in Kenntnis gesetzt. Leider gab es auch keine namhaften Proteste gegen den Vorfall; Unterstützung von einflussreicher Seite blieb bisher ebenso aus.

Umso schmerzlicher wurde uns da der Verlust bewusst, den das überraschende Ableben unseres verdienten Mitglieds Mag. Dr. Helmut Noll († 27. 5. 2019) für die Weinheber-Freunde bedeutete (s. Foto unten). Er war es gewesen, der bei dem letzten, noch abgewendeten Versuch, das Denkmal politisch zu instrumentalisieren, erfolgreich die Initiative ergriffen hatte. ‒ Einen Nachruf finden Sie hier.


Die jüngsten Geschehnisse unterstreichen eines: Dass es in diesen politisch aufgewühlten, von kulturellem Unverständnis und von Unbildung bestimmten Tagen darauf ankommt, ein Forum wie das unsere aufrechtzuerhalten, das sich einer gerechten und daher einzig wirklich produktiven Gedächtnispflege verschrieben hat. Das bedeutet ja gerade nicht Kritikverweigerung, rückt aber den bleibenden Wert der Kunst Josef Weinhebers in den Mittelpunkt.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein gutes Jahr 2020 und verbleibe im Namen der Josef Weinheber-Gesellschaft
mit herzlichen Grüßen
Ihr

Dr. Christoph Fackelmann
Präsident der Josef Weinheber-Gesellschaft

Hier finden Sie die vollständige Fassung des Jahrersberichts im Original-Falterformat als PDF zum Herunterladen.