Jahresbericht 2014 / Programmausblick 2015

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Freunde der Josef Weinheber-Gesellschaft!

Im vergangen Jahr konnten wir Ihnen einen neuen, umfangreichen Band unserer Schriftenreihe, der Literaturwissenschaftlichen Jahresgabe, vorlegen, und an der Zusammenstellung des nächsten Bandes wird bereits gearbeitet. Auch neue Quellenfunde gilt es dabei wieder zu dokumentieren. War es zuletzt vor allem die Erstveröffentlichung des Briefwechsels zwischen Josef Weinheber und Erwin Guido Kolbenheyer, die wir verwirklichen konnten, so steht nun u. a. eine bemerkenswerte Entdeckung zur Bearbeitung an, die Weinhebers Austausch mit dem Schriftsteller Otto Forst de Battaglia (1889-1965) erhellt. In den Jahren 1935 und 1936 machte dieser heute leider weitgehend vergessene Universalgelehrte mit österreichischen, polnischen und jüdischen Wurzeln und katholisch-konservativem Weltbild in mehreren Aufsätzen für ausländische Zeitschriften und Zeitungen auf Adel und Untergang und Wien wörtlich aufmerksam, so etwa in La Cité Chrétienne (Brüssel), La Vie Intellectuelle (Paris) Pion (Warschau), Books abroad (University of Oklahoma, USA). Forst-Battaglia rühmte die Kunst der Weinheberschen Lyrik in hohen Tönen, übte aber auch Kritik an dem vermeintlichen Naheverhältnis des Dichters zum nationalsozialistischen Deutschland. Weinheber selbst bekundete in einem Brief, den uns der Enkel und Nachlassverwalter, der österreichische Diplomat Direktor Dr. Jakub Forst-Battaglia, zur Verfügung stellte, eindrucksvoll seine unabhängige Geistigkeit, wenn er sie auch damals noch mit trügerischen Zukunftshoffnungen verband. Er schreibt u. a.:

„[…] Ihre knappe, aber so sachkundige Analyse meines Buches hat mir, mit den einigen anderen Stimmen aus der Welt, die sich jetzt bezeugend und begeistert zu mir finden, die Gewähr gegeben, daß mein Werk nicht untergehen wird. Es hat mich ergriffen, daß Sie sich gewissermaßen entschuldigen, weil Sie in Deutschland nichts für mich tun können, wo Sie in Ihrem Briefe doch so viele Möglichkeiten erörtern, meine Sache zu fördern. Dabei ist es doch heute so wichtig, daß die nichtdeutsche Welt von jener deutschen untergründigen Dichtung erfahre, die sich nicht wie die zeitgemäße in Führerromanen und Bauerngedichten erschöpft. […] Sie werden wohl begreifen, daß ein Mensch wie ich, der sich seit zweiundzwanzig Jahren mit dem Problem der sprachlichen Gestaltung herumschlägt, im deutschen Gegenwartsroman […] nicht gerade die dichterische Erfüllung sieht. […] An meiner literarischen Wiege ist, soweit es das Sprachgewissen betrifft, Karl Kraus Pate gestanden. Man wird nur ein wenig warten müssen, und es wird sich auch in Deutschland der reine Wert gegenüber dem Gesinnungspofel durchsetzen. Das dauert ja immer seine Zeit. Was wäre denn das für ein Wert, wenn er sofort und für jeden Commis auf der Hand läge. Ich warte schon so lange auf meine Zeit, und sie kommt nicht. Deshalb habe ich keinen Augenblick gezögert, das zu tun, was ich für notwendig halte. […]“ (7. November 1934)

Die Lage hat sich bis heute nicht so substantiell gebessert, wie es die zunehmende zeitliche Distanz erwarten ließe. Ganz im Gegenteil: Nach einer Phase wachsenden Verständnisses in den Nachkriegsjahrzehnten besteht heute noch weniger als zu Lebzeiten des Dichters die Bereitschaft und das Vermögen, angemessene geistige und künstlerische Maßstäbe an die Gestalt Josef Weinhebers anzulegen. Medien und Kulturpolitik ergötzen sich unterdessen auch noch beim sechzigsten oder siebzigsten Male daran, im einstmals berühmten Dichter den „Nazi“ zu entlarven, und selbst die Wissenschaft zieht es inzwischen vor, dieses Stereotyp zu reproduzieren, wie es zuletzt der mittlerweile auch in Buchform erschienene Bericht der sog. „Rathkolb-Kommission“ über politisch fragwürdige Wiener Straßenbenennungen zeigte. Was man hier immer von neuem als geschichtspolitische Aufklärungstat verkaufen möchte – ohne die dabei seit langem vorliegenden und bekannten Details wirklich zu überblicken und richtig einschätzen zu können –, das verschüttet den Zugang zum Werk, zum Eigentlichen des Dichters. Dabei handelt es sich hier um ein Werk, in dem jemand einen unabhängigen, freilich zutiefst tragischen Humanismus und eine fundamentale Distanz zum Zeitgeist der Epoche totalitärer Gewalt unter Beweis stellte wie kaum ein zweiter unter den in der „Ostmark“ verbliebenen und nach 1938 fortgesetzt publizierenden Schriftstellern (Zwischen Göttern und Dämonen, 1938; Kammermusik, 1939; Dokumente des Herzens, 1944; Hier ist das Wort, 1944/47).

Es ist inzwischen beinahe zur Gewohnheit in unserer oberflächlichen Mediengesellschaft geworden, Geschichte nur noch entlang von „Jubiläen“ zu betrachten. In immer engeren Abständen begeht man mit viel Aufregung und großem erzieherischen Aplomb diese „Gedenkjahre“; alle zehn, ja alle fünf Jahre bereits „kehren“ vor allem die Schreckenszäsuren der jüngeren Geschichte „wieder“. Im letzten Jahr ging es um den Beginn des Ersten Weltkriegs, heuer steht wieder einmal die Erinnerung an das Kriegsende 1945 auf dem Programm. Während Weinheber wie nur ganz wenige der österreichischen Schriftsteller seiner Generation von jenem ersten verhängnisvollen Ereignis des Zwanzigsten Jahrhunderts beinahe unberührt geblieben zu sein scheint, so fällt das zweite nicht nur durch zeitliche Koinzidenz, sondern auch durch innere Kausalverbindungen mit seinem eigenen Tod zusammen. Im Frühjahr 1945 nahm der durch die Zerstörungswut des Krieges und das Rasen der Unmenschlichkeit heillos verstörte Mann eine tödliche Dosis Morphium zu sich.

Die Josef Weinheber-Gesellschaft möchte dieses 70. Jahr nach dem Heimgang des Dichters nicht zu einem großen Gedächtnis-„Event“ stilisieren. Aber in der Nachfolge der auf viel Zustimmung gestoßenen Matinée mit Verena Noll vom 17. Februar 2013 („In jeder Welt aus Schein und Gram und Zahl / hab ich mich immer zu mir selbst bekannt.“ Große österreichische Lyrik von Josef Weinheber bis Ingeborg Bachmann) möchte sie es zum Anlass nehmen, Weinheber in einer weiteren Wiener Lesung künstlerisch einem breiteren Publikum näher zu bringen. Einladungen zu dieser Frühlingsveranstaltung, bei der diesmal die beliebte Burgschauspielerin Helma Gautier Weinheber interpretieren wird, werden gesondert an Sie ergehen.

In Anbetracht des Anlasses soll die Lesung diesmal den reichen Schätzen der späten Lyrik zugewandt sein. Sie soll außerdem Gedichte in Erinnerung rufen, die für oder über Josef Weinheber geschrieben wurden, wie etwa die schöne Elegie auf den Tod des Dichters von Josef Weber, die in der letzten Jahresgabe veröffentlicht werden konnte, oder Widmungsgedichte von Friedrich Sacher und Wilhelm Franke, und nicht zuletzt jenes großartige Gedicht, das Weinhebers posthumer Nachbar in Kirchstetten, der bedeutende englische Autor Wystan Hugh Auden, ihm nachsandte. Auch Auden, dessen einstige Wohnstatt in Kirchstetten jüngst mit viel Aufwand neu in Szene gesetzt wurde, erwähnt die politischen Verwerfungen, die ihn, der auf kommunistischer Seite im spanischen Bürgerkrieg gekämpft und Erika Mann in der Emigration durch eine Scheinehe zur englischen Staatsbürgerschaft verholfen hatte, vom Verstorbenen trennten; aber er tut es mit hoher Sensibilität: „[…] Yes, yes, it has to be said: / men of great damage / and malengine took you up. / Did they for long, though, / take you in, who to Goebbels’ / offer of culture / countered – in Ruah lossen? / But Rag, Tag, Bobtail / prefer a stink, and the young / condemn you unread. […]“ („Ja, ja, es muß gesagt werden: / Männer großen Unheils / und Übelwollens nahmen sich deiner an. / Doch für wie lange / wickelten sie dich ein, dich, / der auf Goebbels’ Kulturangebot, / entgegnete: in Ruah lossen? / Aber Krethi und Plethi / ziehen Skandale vor, und die Jungen / verdammen dich ungelesen.“) Und wie behutsam und vornehm gibt er sich, abermals Weinheber zitierend, Rechenschaft über die künstlerische Bedeutung dessen, dem er sich über die Gräben hinweg seelenverwandt fühlt: „[…] I would respect you also, / Neighbour and Colleague, / for even my English ear / gets in your German / the workmanship an the note / of one who was graced / to hear the viols playing / on the impaled green, / committed thereafter den / Abgrund zu nennen.“ („Doch möchte auch dich ich ehren, / Kollege und Nachbar, / denn selbst mein englisches Ohr / entdeckt in deinem Deutsch / die Meisterschaft und den Tonfall / eines, dem es vergönnt war, / das Spiel der Bratschen / auf umzäuntem Rasen zu hören, / und dem es später oblag, den / Abgrund zu nennen.“ [Übersetzung v. Herbert Heckmann]) In einem wenige Jahre vor seinem Tod geführten Gespräch unterstrich Auden, der mit der deutschen Lyrik gut vertraut war und sich ihr auch als Übersetzer angenähert hatte, seine Haltung: „[…] ich liebe Weinheber sehr, den die Deutschen vergessen oder, wie soll ich sagen, verdrängt haben“ (Süddeutsche Zeitung, 24./25. 9. 1983).

All das Aufsehen, das der aktionistische Wirbel um das Denkmal am Wiener Schillerplatz und den Ottakringer Weinheber-Platz ein ums andere Mal hervorzurufen versteht, soll indes nicht vergessen lassen, dass auch in unseren Tagen sehr verdienstvolle Taten der Weinheber-Pflege gesetzt werden. So ließ vom 28. Mai bis zum 14. Juni des vergangenen Jahres der Döblinger Heimatpfleger und Lokalhistoriker Wolfgang E. Schulz (www.döbling.com) auf eigene Initiative die in Josefsdorf auf dem Kahlenberg angebrachte Gedenktafel für Josef Weinheber einer Reinigung und Wiederherstellung der verblassten Gravur unterziehen. Der 1964 von der Weinheber-Gesellschaft auf der damals neuen Terrasse des Kahlenberges errichtete Dichterstein trägt als Inschrift berühmte Verse aus dem Lob der Heimat: „Doch den Kranz der Heimat gebt mir Wien, / lobt mir diese Stadt! […]“. Durch Verwahrlosung und Vandalismusakte war er in der letzten Zeit arg in Mitleidenschaft gezogen worden; nun erstrahlt er dank der Unternehmung von Wolfgang Schulz und der Arbeit des Restaurators Philipp Hauser in neuem Glanz (Döblinger Extrablatt Nr. 7, Herbst 2014).

Zuletzt soll noch auf eine bemerkenswerte archivarische Leistung hingewiesen werden: Dr. Volker Jehle, der Nachfahre der Württembergischen Musikverleger Johannes Jehle und Martin Friedrich Jehle, hat die musikhistorische Sammlung seines Hauses im Stauffenberg-Schloss Albstadt-Lautlingen bestandsmäßig aufgearbeitet und digital erfasst. Dieses Verzeichnis, das bereits in 2. Auflage vorliegt, kann unter der Netzadresse http://www.sammlungjehle.com eingesehen werden. Für die Weinheber-Freunde ist es deshalb interessant, weil darin auch eine bei Jehle erschienene, reichlich seltene Vertonung aus Josef Weinhebers Kalenderbuch O Mensch gib acht dokumentiert ist: der Liederzyklus Das Jahr, den der mit dem Wiener Dichter befreundete junge Komponist Georg Krietsch 1939 in Druck gab. Auch die zu dieser Publikation gehörige Titelgraphik Hans Geißlers befindet sich hier.

Übrigens: Über aktuelle Pläne und Veranstaltungen zum Thema Josef Weinheber informieren Sie nicht nur unsere brieflichen Aussendungen, sondern auch das „Weinheber-Forum“ im Internet, das Sie unter der Adresse https://weinheberforum.wordpress.com erreichen. Gerne können Sie uns für diese Plattform auch auf Ihnen bekannte weitere Vorträge, Lesungen und Aufführungen aufmerksam machen (E-Mail-Kontakt: information@weinheber.at)!

Am Ende dieses Rundbriefs dürfen wir Sie wieder um die Überweisung Ihres Mitgliedsbeitrags ersuchen. Er bleibt auch für 2015 mit 21,80 € unverändert. Jede Überzahlung oder Spende stellt für unsere gemeinsame Arbeit eine wichtige Hilfe dar und wird dankbar entgegengenommen. Ein Erlagschein liegt bei. Bitte achten Sie darauf, Ihren Namen leserlich einzutragen, damit wir den Beitrag richtig zuordnen können.

Im Namen der Josef Weinheber-Gesellschaft wünsche ich Ihnen ein gutes und glückliches Jahr 2015 und verbleibe

mit herzlichen Grüßen

Christian Weinheber-Janota e. h. (Präsident)

Jahresbericht 2013 / Programmausblick 2014

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Freunde der Josef Weinheber-Gesellschaft!

Der im letzten Jahresbericht angekündigte aktuelle Band unserer neu belebten Schriftenreihe, der „Literaturwissenschaftlichen Jahresgabe der Josef Weinheber-Gesellschaft“, ist erschienen. Im vergangenen Jahr konnte die Arbeit an dieser umfangreichen Sammlung von Aufsätzen und Editionen abgeschlossen werden. Wir freuen uns, Ihnen das fertige Buch in Verbindung mit diesem Schreiben bereits vorlegen zu können. Wie immer erhalten alle Mitglieder der Josef Weinheber-Gesellschaft ein Freiexemplar. Sie haben durch Ihren Mitgliedsbeitrag mitgeholfen, die kostspielige Drucklegung zu ermöglichen. Da wir bei unseren Publikationen ganz ohne Subventionen von öffentlicher Hand auskommen müssen, sind wir für Zuwendungen, die über den Mitgliedsbeitrag hinausgehen, freilich gerade im Hinblick auf solche Projekte sehr dankbar!

Der über 300 Seiten starke Dreifachjahrgang unserer Schriftenreihe möchte ein kräftiges Zeichen setzen, das für eine sachgerechte, sowohl von Sympathie als auch von kritischem Interesse und Differenzierungsvermögen getragene Befassung mit Josef Weinheber und dessen Epoche steht. Sie finden in dem Buch eine Reihe von literarhistorischen Darstellungen und Analysen, die sowohl Josef Weinheber selbst als auch „benachbarten“ Schriftstellern und dem literarischen Leben seiner bewegten Zeit gelten. Darüber hinaus aber bietet der Band auch Einsichten in wertvolle und aufschlussreiche Originalquellen, die zuvor noch nie das Licht der Öffentlichkeit erblickten. So ist etwa ein großer Abschnitt dem Briefwechsel gewidmet, den Weinheber mit einem faszinierenden Zeitgenossen, dem einzelgängerischen Dichterphilosophen Erwin Guido Kolbenheyer, führte. Weiters ist eine kleine Skizze zu finden, in der der Militärtierarzt Franz Huber die Erinnerungen an seine während des Krieges, vermutlich 1943, erfolgte Begegnung mit Josef Weinheber festhielt. Zum Andenken an das vor wenigen Jahren verstorbene Ehrenmitglied Friedrich Jenaczek ist ein umfangreicher Brieftraktat aufgenommen, den der große Weinheber-Philologe an den nach Jerusalem emigrierten Schriftsteller und Literaturgelehrten Werner Kraft richtete. Darin entfaltete er bereits 1963 die Grundzüge jener tief schürfenden Auseinandersetzung mit dem Werk Weinhebers (und Karl Kraus’), die ihn sein Leben lang begleiten sollte. Nicht zuletzt sei in diesem Zusammenhang noch auf ein besonderes Fundstück hingewiesen, das die neue „Jahresgabe“ bereithält: Es ist ein bisher unbekanntes, ergreifendes Totengedicht auf Josef Weinheber, das der niederösterreichische Arzt und Dichter Josef Weber-Wenzlitzke – nicht nur ein Jahrgangsgenosse, der mit dem berühmten Lyriker aus Kirchstetten persönlichen Umgang pflegte, sondern in manchem auch ein Seelenverwandter – kurz nach dem Ende des Krieges verfasste. Eine Niederschrift gelangte über den Antiquariatshandel glücklich in die Hände Ralf Gnosas, des Geschäftsführers der Paul Ernst-Gesellschaft, der uns in seinem Beitrag das Gedicht und den Autor Josef Weber näher bringt.

Ein Anhang zu dem neuen Band dokumentiert eine weniger erfreuliche Entwicklung, die uns durch das vergangene Jahr begleitete: die Kampagne gegen das Denkmal für Josef Weinheber, das 1975 von der Weinheber-Gesellschaft auf dem Schillerplatz bei der Akademie der bildenden Künste in Wien errichtet worden war. Im Sommer 2013 eskalierte der schon länger flackernde Streit, als eine Gruppe „antifaschistischer“ Kunststudenten den Sockel des Denkmals zum Zwecke einer „künstlerischen Intervention“ mutwillig bloßlegten. Sie wollten damit auf ihre an dem „Nazi-Dichter“ Josef Weinheber festgemachten „geschichtspolitischen“ Forderungen aufmerksam machen und einen radikaleren Umgang Wiens mit vermeintlichen Spuren unbewältigter Vergangenheit bewirken. Manche Medien nützten die erklärtermaßen widerrechtlich erfolgte, von der zuständigen Behörde selbstverständlich nicht genehmigte Nacht- und Nebel-Aktion, um die Aufregung zu schüren; einige Prominente und sogar ein Teil der Stadtverantwortlichen solidarisierte sich mit den Kulturkämpfern. Etwa zur gleichen Zeit präsentierte eine von der Stadt eingesetzte Projektgruppe um den Zeithistoriker Oliver Rathkolb unter großem medialen Aufsehen ihren Bericht über jene Straßenbenennungen Wiens, die aus ihrer Sicht in „geschichtspolitischer“ Verantwortung zu hinterfragen seien. Auch dabei geriet u. a. Josef Weinheber – nach dem ein unscheinbarer Platz in seinem Heimatbezirk Ottakring benannt ist – in den Fokus der Kritik.

Die Weinheber-Gesellschaft sah sich angesichts dieser Zuspitzungen zum Einschreiten genötigt. Die Zeugnisse ihrer Intervention sind im vorliegenden Band, gemeinsam mit einer Stellungnahme aus Anlass eines früheren Aufflammens der Denkmalsturz-Kampagne, abgedruckt. Ihr Offener Brief an den zuständigen Kulturstadtrat brachte in Verbindung mit einer energischen Fürsprache der Bezirksvorsteherin der Inneren Stadt, Ursula Stenzel, im Frühherbst 2013 erste Gespräche mit dem Büro des amtsführenden Stadtrats für Kultur und Wissenschaft, Dr. Andreas Mailath-Pokorny. Dessen zuständige Mitarbeiter äußerten Bedauern über die voreilige Solidaritätsadresse des Stadtrats zugunsten des als Kunst verbrämten Vandalismusaktes. Man gestand auch ein, sich vor den einschlägigen Presseerklärungen nicht über Herkunfts- und Besitzverhältnisse des Denkmals orientiert zu haben. Den Vertretern der Weinheber-Gesellschaft sicherte man nun zu, künftig keinerlei Entscheidungen und Maßnahmen in der Sache des Denkmals am Schillerplatz ohne Einbindung des Stifters und Errichters zu unterstützen oder zu betreiben.

Zugleich machte man aber klar, dass die Absicht der Stadtregierung aufrecht bleibe, das Denkmal einer „kritisch kontextualisierenden“ Adaption zu unterziehen, sei es bloß durch Errichtung einer erläuternden „Zusatzttafel“, sei es im Zuge des Programms „Kunst im öffentlichen Raum“ (KÖR), also durch eine weitere, womöglich dauerhafte „künstlerische Intervention“. Die Vertreter der Weinheber-Gesellschaft äußerten ihre grundsätzliche Diskussionsbereitschaft und erklärten sich willens, an einer von Verständnis und Sachverstand getragenen Lösung des Konflikts mitzuarbeiten. Sie stellten jedoch ihrerseits klar, dass aus ihrer Sicht nicht daran zu denken sei, das Denkmal dazu zur Verfügung zu stellen, dass sich an ihm in plakativer Weise der zeitgeistige Vergangenheitsbewältigungsfuror austoben könne, sodass alles darauf hinausliefe, an Weinheber ein politisches Exempel in eigener Sache zu statuieren. Den Überlegungen, das Monument in das städtische „KÖR“-Programm einzubeziehen, stehen wir in Anbetracht dessen skeptisch bis ablehnend gegenüber.

Hingegen wurde noch im Herbst ein von der Gesellschaft erarbeiteter erster Entwurf für eine Inschrift, die auf einer etwaigen separaten Informationstafel auf der Grünfläche neben dem Denkmal anzubringen wäre, den Referenten des Stadtrats vorgelegt. Die von deren Seite angekündigten weiterführenden Gespräche haben bis jetzt allerdings nicht stattgefunden. Unser Textvorschlag bemüht sich vor allem um sachgerechte Abwägung. Er muss versuchen, einerseits unser eigentliches Interesse, die gesamtheitliche Perspektive auf den heute ja kaum noch bekannten Dichter, zu wahren und andererseits die politisch-historische Problematik, um die es den Vertretern der Stadtregierung geht, auf den Punkt zu bringen, und zwar so, dass es mit der unbedingt gebotenen Umsicht geschieht. Die schwierigen und vielschichtigen Verhältnisse sind ja gerade nicht an einem Schwarz-Weiß-Schema festzumachen und in wenigen Sätzen entsprechend schwer zu vermitteln:

Josef Weinheber, geboren am 9. 3. 1892, gestorben am 8. 4. 1945, ehemaliger Waisenhauszögling aus der Wiener Vorstadt Ottakring, entwickelte seit Anfang der zwanziger Jahre seine Poetik des „reinen Gedichts“. Seine lyrischen Hauptwerke standen im Zeichen eines an Karl Kraus geschulten „Sprachgewissens“ und knüpften an den „Zeitkampf“ der „Fackel“ an („Adel und Untergang“, 1934, „Späte Krone“, 1936). In seiner beliebten Sammlung „Wien wörtlich“ (1935) entwarf Weinheber in der Tradition Nestroys ein lyrisches Porträt der Stadt, ihrer Typen, Landschaften und Szenerien. Dem radikalen Formbewusstsein entsprach das Bekenntnis zu einem tragischen Humanismus: Durch Sprache wird der Mensch „eine geistige Wirklichkeit“; Kunst in sprachvergessener, tatberauschter Zeit ist „Dienst im aufgelösten Heiligtume“.

Anfang der 1930er Jahre sympathisierte Weinheber mit einer „nationalen Revolution“, von der er sich vor allem kulturpolitisch die Überwindung des verachteten Systems erhoffte. Er war zeitweilig Mitglied der NSDAP und engagierte sich bei dem Versuch, österreichische Schriftsteller in deren Umfeld zu versammeln. Obzwar rasch ernüchtert, von der völkischen Ideologie und deren literarischer Doktrin („Blut und Boden“) abgestoßen, löste er sich doch zeitlebens nicht mehr von diesem Lager. In seinen Büchern blieb er kompromisslos und stellte dem „grässlichen Herrn der Erde“ sein Ideal vom „Menschen der Mitte“ entgegen. Dem „Anschluss“ Österreichs an Hitler-Deutschland im März 1938 begegnete Weinheber bereits mit Ablehnung, über den Verlauf zeigte er sich entsetzt. Von äußeren und inneren Zwängen genötigt, fand er sich danach dennoch immer wieder bereit, Auftragstexte zu offiziellen politischen Anlässen zu verfassen („Hymnus auf die Heimkehr“, 1938, „Wien an den Führer“, 1943, etc.). Er ließ sich ehren und feiern.

Trotzdem empfand er seinen späten Ruhm von Anfang an als „Mißverständnis“: „Ich mußte, seitdem ich berühmt bin, dem Mob aller Schattierungen meinen Tribut zahlen. Gleichwohl weiß ich um meine Substanz. Sie ist umschrieben mit: Einsamkeit, Urangst, Frömmigkeit.“ Seine letzten Gedichtzyklen („Zwischen Göttern und Dämonen“, 1938, „Kammermusik“, 1939, „Hier ist das Wort“, postum 1947) betonen den Widerspruch zu jener Welt. Sie bezeugen eine unabhängige menschliche und künstlerische Haltung sowie eine ebenso zeit- wie selbstkritische Geistigkeit. Josef Weinheber starb, zerrüttet und verzweifelt, an einer Überdosis Morphium.

Es sollte allen Freunden Josef Weinhebers und ganz besonders den Mitgliedern und Mitwirkenden in der Josef Weinheber-Gesellschaft ein dringendes Anliegen sein, für das Verständnis einzutreten, das Werk und Persönlichkeit unseres Dichters verdienen, das diesen aber in einer auf Schlagwörter und Klischees konzentrierten Öffentlichkeit zusehends verweigert wird. Unterstützen Sie daher bitte unsere Bemühungen um Aufklärung und kompetente Einflussnahme auch in dieser bedauerlichen Angelegenheit!

In diesem Sinne dürfen wir das an den Schluss des letzten Jahresrundbriefs gestellte Bekenntnis wiederholen: Wir wollen gemeinsam, aber auch jeder für sich mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln und Möglichkeiten für eine erweiterte Wertschätzung und vertiefte Kenntnis der Gestalt unseres Dichters eintreten! Auch heuer sei daran der Hinweis geknüpft: Über aktuelle Pläne und Veranstaltungen zum Thema Josef Weinheber informieren Sie nicht nur unsere brieflichen Aussendungen, sondern auch das „Weinheber-Forum“ im Internet, das Sie unter der Adresse https://weinheberforum.wordpress.com erreichen. Dort finden Sie nicht nur die von der Weinheber-Gesellschaft selbst gestalteten Programmpunkte und alle unsere Mitteilungen laufend angezeigt, sondern auch Hinweise auf verschiedene Veranstaltungen aus den erweiterten Kreisen der Weinheber-Pflege. Gerne können Sie uns zu diesem Zweck auch auf Ihnen bekannte weitere Vorträge, Lesungen oder Aufführungen aufmerksam machen (E-Mail-Kontakt: information@weinheber.at)!

Zu guter Letzt dürfen wir um Überweisung des Mitgliedsbeitrages bitten, der auch für 2014 mit € 21,90 unverändert bleibt. Für jede Überzahlung oder Spende sind wir, wie anfangs erwähnt, überaus dankbar. Bankdaten: IBAN: AT 736 000 000 007 777 752, BIC: OPSKATWW (Josef Weinheber-Gesellschaft, Kirchstetten).

Mit lieben Grüßen

Christian Weinheber-Janota e. h. (Präsident)

Jahresbericht 2012 / Programmausblick 2013

Kirchstetten, im Februar 2013

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Freunde der Josef Weinheber-Gesellschaft!

Die letzten Monate des vergangenen Jahres brachten die Erfüllung eines lang gehegten Wunsches aller Freunde des Dichters Josef Weinheber: In dankenswerter Kooperation mit der Kolbenheyer-Gesellschaft e. V. und dem Kobenheyer-Archiv in Geretsried bei München gelang es, den Briefwechsel zwischen Josef Weinheber und Erwin Guido Kolbenheyer in seiner erhaltenen Form vollständig für den Druck zusammenzuführen und vorzubereiten. Die Freundschaft mit Kolbenheyer – dessen Todestag sich im April 2012 zum fünfzigsten Mal jährte – ist für Weinheber von großer Bedeutung. Unter den Dichtern, die bei seinem Münchener Verlag Langen-Müller Weinhebers Kollegen wurden, stand ihm neben dem Niederdeutschen Moritz Jahn der in Budapest geborene, in Wien zum Schriftsteller gereifte Kolbenheyer menschlich wohl am nächsten. Der Briefwechsel hebt im Herbst 1934 an und dauert fort bis in das Jahr 1945. Diese wichtigen, aussagekräftigen Quellen – sie wurden in der Nadlerschen Briefausgabe schmerzlich vermißt – können wir unseren Mitgliedern und Freunden dank der Zusammenarbeit mit der Kolbenheyer-Gesellschaft nun endlich zur Kenntnis bringen. Der neue Band unserer Literaturwissenschaftlichen Jahresgabe, der derzeit vorbereitet wird, soll dazu das geeignete Forum bilden.

Aber auch sonst wird dieses Buch hoffentlich Ihr Interesse finden. Unter anderem stellen wir darin, ausgehend von dem schönen Fund eines Erinnerungsgedichtes für Josef Weinheber, den vergessenen niederösterreichischen Dichter Josef Weber(-Wenzlitzke, 1892–1969) vor (Ralf Gnosa, Mönchengladbach). Von Beruf Arzt, trat Weber vor allem mit einem großen Roman über den Anatomen und Humanisten Andreas Vesalius („Die Verwandlung des Vesal“, 1943) hervor. Er hinterließ aber auch als Lyriker ein durchaus bedeutendes Werk, das bis heute keineswegs gebührend erschlossen ist. In den späten dreißiger und in den vierziger Jahren hatte Weber mit Weinheber auch persönlichen Umgang. – Ein weiterer Beitrag bringt uns in Anknüpfung an die angekündigte Briefedition E. G. Kolbenheyer selbst als Dichter und Denker näher (Alexander Martin Pfleger, Glattbach). – Außerdem wird sich die neue Ausgabe unserer Publikationsreihe mit Begriff und Geschichte der „Konservativen Revolution“ auf literarischem Gebiet befassen (Christoph Fackelmann, Wien, u. Dirk Herrmann, Dresden). Dieses Thema trägt dazu bei, die Epoche Josef Weinhebers im Hinblick auf dessen ideengeschichtlichen Hintergrund besser zu verstehen. Die nationalkonservativen Strömungen der Zwischenkriegszeit finden unter dieser Formel nicht nur politisch, sondern auch literarisch-künstlerisch zusammen.

Der neue Band, der wieder im LIT Verlag, Wien-Berlin-Münster, erscheinen wird, soll unsere Mitglieder um die Mitte des Jahres erreichen. Sein Bezug ist wie bisher im Mitgliedsbeitrag eingeschlossen. Die Kosten für den Druck sowie für Planung und Vorbereitung – zu all dem stehen uns leider keinerlei Subventionen von öffentlicher Seite mehr zur Verfügung – sind nicht zu unterschätzen. Für jede zusätzliche Unterstützungsleistung aus den Reihen der Mitglieder und Freunde ist die Gesellschaft daher sehr dankbar!

Das neue Jahresprogramm hat mit einem großen Ereignis begonnen. Unter dem Titel „,In jeder Welt aus Schein und Gram und Zahl / hab ich mich immer zu mir selbst bekannt. Große österreichische Lyrik von Josef Weinheber bis Ingeborg Bachmann“ lud die Josef Weinheber-Gesellschaft am 17. Februar 2013 (11 Uhr)  gemeinsam mit der Österreichischen Goethe-Gesellschaft und dem Verein „Muttersprache“ zur Literarischen Matinée in den Historischen Ballsaal des Parkhotels Schönbrunn, Wien-Hietzing. Nach 2011 stand zum zweiten Mal die junge Leipziger Schauspielerin Verena Noll, eine gebürtige Wienerin, mit einem Weinheber-Programm auf der Bühne. Diesmal spannte sie den Bogen bis in die fünfziger und sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts und präsentierte neben Weinhebers „Kammermusik“ lyrische Texte von Paula Ludwig, Christine Busta, Ingeborg Bachmann und anderen aus der jüngsten Generation der Klassischen Moderne in Österreich. Eine Einladung mit Programm erreichte unsere Mitglieder mit gesonderter Post.

Schon am 11. Jänner 2013 hatte ein Vortrag in ehrwürdigen Alten Rathaus von Linz mit Hilfe vieler Lichtbilder die zentrale Beziehung zwischen Josef Weinheber und Gerda Janota einem zahlreich erschienenen, sehr interessierten Publikum erhellt („,Ich habe zu Deiner Art jenes Vertrauen, das man zur Heimat hat. Josef Weinheber und Gerda Janota – eine Liebesbeziehung“, Vortrag von Dr. Christoph Fackelmann, veranstaltet gemeinsam mit dem Klub Austria Superior und dem Verein „Muttersprache“). Gerda Janota entstammte bekanntlich einem alteingesessenen Bürgerhaus aus Linz-Urfahr. Die Veranstaltung, die nicht zuletzt auf die wertvollen, zum großen Teil noch unveröffentlichten Briefe Weinhebers an Gerda Janota zurückgriff, soll in absehbarer Zeit an anderem Ort wiederholt werden.

Im Zeichen dieses planvollen, erfüllten Beginns wollen wir das Jahr 2013 fortsetzen und für eine erweiterte Wertschätzung und vertiefte Kenntnis der Gestalt unseres Dichters eintreten! Über aktuelle Pläne und Veranstaltungen zum Thema Josef Weinheber informieren Sie nicht nur unsere brieflichen Aussendungen, sondern auch das neue „Weinheber-Forum“ im Internet, das Sie derzeit unter der Adresse https://weinheberforum.wordpress.com erreichen. Dort finden Sie nicht nur die von der Weinheber-Gesellschaft selbst gestalteten Programmpunkte und alle unsere Mitteilungen laufend angezeigt, sondern auch Hinweise auf verschiedene Veranstaltungen aus den erweiterten Kreisen der Weinheber-Pflege. Gerne können Sie uns zu diesem Zweck auch auf Ihnen bekannte weitere Vorträge, Lesungen oder Aufführungen aufmerksam machen.

Auch dieses Jahr bleibt der Mitgliedsbeitrag mit Euro 21,80 unverändert. Jede Überzahlung wird mit herzlichem Dank verbucht und – wie schon an vorhergehender Stelle erwähnt – für die neue wissenschaftliche Jahresgabe und andere Aktivitäten der Josef Weinheber-Gesellschaft verwendet. Wie ersuchen Sie, Ihren Namen leserlich einzutragen, damit wir den Beitrag auch richtig zuordnen können.

Anbei die notwendigen Bankcodes:

IBAN: AT 736 000 000 007 777 752

BIC: OPSKATWW

Auf Ihre Gewogenheit auch in Zukunft hoffend, verbleibe ich mit besten Wünschen und lieben Grüßen

Ihr Christian Weinheber-Janota e. h. (Präsident)