Jahresbericht 2015 / Programmausblick 2016

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Freunde der Josef Weinheber-Gesellschaft!

Das Jahr 2015 stand für die Freunde des Dichters Josef Weinheber unter dem Vorzeichen der 70. Wiederkehr des Todestages. Aus diesem Anlass führte die Josef Weinheber-Gesellschaft die Tradition der literarisch-musikalischen Matiniéen weiter und lud am 14. Juni 2015 in das Fleming’s Deluxe Hotel Wien-City in der Josefstadt. Unter dem Titel „Ich werde wieder sein, wenn Menschen sind“ las Burgschauspielerin Helma Gautier aus späten Gedichten Josef Weinhebers sowie aus Erinnerungsgedichten von Ernst Waldinger, Josef Weber und Wystan H. Auden. Für das musikalische Programm sorgten Alexandra Bachtiar (Cello) und Arcola Clark (Harfe). Der Saal war so voll, dass sogar noch zusätzliche Sesselreihen herbeigeschafft werden mussten, um allen Gästen zu einem Sitzplatz zu verhelfen. Ein sehr schönes Zeichen für das Interesse an unserem Dichter, das auch widrigen „äußeren Bedingungen“ trotzt! Unser besonderer Dank gilt dem Direktor des Hauses, Herrn Martin Sperl, für die großartige Unterstützung.

Auch die regelmäßig durchgeführt Herbst-Lesung in der Weinheber-Gemeinde Kirchstetten fand heuer regen Zuspruch. Das von Ulli Fessl wie immer bravourös geleitete Programm am 11. Oktober 2015 stand diesmal unter dem Motto „Nimm, wo immer du seist, Dulder verwandter Qual …“, den Anfangsworten der Ode „An den Bruder“. Es beleuchtete die Beziehung Josef Weinhebers zu einigen Zeitgenossen, denen er besonderes Verständnis und wichtige Fürsprache verdankte. Dabei kamen Gedichte aus „Adel und Untergang“, „Zwischen Göttern und Dämonen“„Wien wörtlich“ und „O Mensch, gib acht“, aber auch Briefe, Rezensionen und Spottgedichte zum Vortrag. Unterstützt wurde Frau Fessl diesmal von Gottfried Riedl; die musikalische Begleitung lag in den bewährten Händen von Professor Leopold Grossmann.

Als außerordentliche Jahresgabe erhielten die Mitglieder der Josef Weinheber-Gesellschaft im „runden“ Jahr das erste Bändchen einer neuen Reihe, mit denen die Gesellschaft den Weinheber-Freunden in unregelmäßiger Folge Essays und Quellenmaterialien exklusiv zukommen lassen möchte. Es soll ausschließlich in Gestalt von Privatdrucken geschehen, wird also nicht im regulären Buchhandel zu beziehen sein. Den Anfang der nach dem Hölderlin-Motto zu „Zwischen Göttern und Dämonen“ „Contineri Minimo“ getauften Heftreihe machte eine Rede von Dr. Christoph Fackelmann zum Andenken des Lyrikers Josef Weinheber: „Rückkehr zu einem ,Spätling der Gestalter‘“ (1. Auflage April, 2. Auflage Juni 2015).

Die Buchreihe der „Literaturwissenschaftlichen Jahresgabe der Josef Weinheber-Gesellschaft“, die wir im LIT-Verlag, Wien–Berlin, beheimatet haben, soll hingegen in absehbarer Zeit ebenfalls eine Fortsetzung erfahren. Als nächster konkreter Schritt ist ein Band geplant, der schwerpunktmäßig dem Dichter Hans Leifhelm gewidmet sein soll. Dieser feiert heuer seinen 125. Geburtstag – er ist ein Jahr älter als Josef Weinheber, geboren am 2. 2. 1891 in Mönchengladbach –, und 2017 wird man seines 70. Todestags gedenken (gestorben am 1. 3. 1947 in Riva am Gardasee). Unser geplanter Sonderband möchte diese Anlässe „benützen“, um auf den vergessenen Autor aufmerksam zu machen, zumal es sich bei ihm um einen zeitweilig recht engen Weggefährten Josef Weinhebers handelt. Im Jahr 1931 führten die beiden einen intensiven Briefwechsel, es kam zu persönlichen Begegnungen, und man hielt auch danach noch Kontakt, wie Karten aus den Jahren 1936 und 1941 zeigen. Josef Weinheber trat u. a. mit der Einführung zu einer „Eigenvorlesung“ des befreundeten Lyrikers auf Radio Wien für diesen ein, und der schon etwas bekanntere Hans Leifhelm setzte sich seinerseits für Weinheber, der damals noch auf seinen großen Durchbruch wartete, bei einer Reihe von Zeitschriften- und Zeitungsredaktionen ein.

Bekannt ist die große Bewunderung, die Josef Weinheber für einzelne Gedichte – wenngleich keineswegs für das gesamte Schaffen – des damals in Graz lebenden westfälischen Dichters empfand. Diese Begeisterung gab auch den Impuls dafür, dass Weinheber am 28. April 1931 die Initiative ergriff und sich an Leifhelm wandte, um ihm

„[…] den großen Eindruck zu gestehen, den Ihr Gedicht ,Mit dem Sichelmond, mit dem Abendstern‘ […] auf mich gemacht hat. Ich stehe nicht an, Ihnen zu erklären, daß ich dieses Gedicht für das beste halte, das ich in deutscher Sprache seit 20 Jahren gelesen habe (und ich habe auch die Duineser Elegien und die George-Gedichte gelesen). Es ist eines der herrlichsten, edelsten, zauberhaftesten Sprachgebilde.

Ich selbst habe mich, und in einem weitaus ernsteren, würdigeren und adligeren Sinn als meine Zeitgenossen, die Gedichte schreiben, um die Gestaltgebung im Lyrischen Kunstwerk bemüht, bemühe mich darum 18 Jahre lang! Ich muß zugeben, daß mir ein ähnliches Gebilde zu formen nicht gelungen ist. Ich kenne Ihr Buch ,Hahnenschrei‘ und auch die Gedichte, die in der Liegler-Anthologie stehen sollten. Unter ihnen ist keines, das an dieses Zauberwerk heranreicht.

Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen Glück wünsche für Ihren ferneren, inneren Weg. Sie sind für mich, dem es wie Wenigen um die Sache der Kunst geht, eine große Hoffnung, der Beginn einer edleren Zeit. […]“

Wer kennt noch das von Weinheber über die Maßen gepriesene Gedicht? So lautet die erste Strophe:

Auch im fremden Land, / Wo ich dir so fern, / Wo ich lange schon verschollen war, / Strahlt dein Angesicht / Mit dem Abendstern, / Weht am nächtigen Himmel hin dein Haar, / Tanzt dein schlanker Fuß / Mit dem Sichelmond, / Winkt mir lieblich deine weiße Hand, / Grüßt dein Lächeln mich, / Das im Lichte wohnt, / Süßer Trost im bittern Menschenland.

Die erhaltenen Briefe Josef Weinhebers an Hans Leifhelm befinden sich im Deutschen Literaturarchiv in Marbach am Neckar. Dort hat Herr Mag. Ralf Gnosa die Abschrift aus dem allerersten Brief, woraus hier zitiert wurde, hergestellt und auch die anderen Stücke erschlossen. In dem geplanten Band soll neben dem Briefwechsel Weinheber-Leifhelm eine zweite Korrespondenz des Jubilars, jene mit dem Dichter Paul Ernst (1866–1933) enthalten sein. Sie stammt hauptsächlich aus den Jahren 1930–1933, als Paul Ernst, aus Elbingerode im Harz gebürtig, in St. Georgen a. d. Stiefing in der Südsteiermark, also in nächster Nähe zu Leifhelm, ansässig war. Zu diesen Briefen soll schließlich noch ein Essay des österreichischen Schriftstellers Felix Braun (1885–1973) treten, der ein aus langjähriger Freundschaft gespeistes Porträt Hans Leifhelms zeichnet. Herr Mag. Gnosa, den Lesern der „Literaturwissenschaftlichen Jahresgabe“ schon durch seine Studie über „Josef Weber und Josef Weinheber“ (N.F. 2010/11/12) bekannt, wird sich als Mitherausgeber an der Zusammenstellung dieses Bandes beteiligen.

Von den kulturpolitischen Kalamitäten rund um Straßenbenennungen und Denkmäler für Josef Weinheber wollen wir diesmal weitgehend schweigen. Erwartungsgemäß dauerten sie auch im Jahr 2015 an und sorgten für manch unerfreuliche Schlagzeile. Es hat sich längst eingebürgert, tagespolitisches Kapital daraus zu schlagen, dass man den plumpen „Nazi-Dichter“-Vorwurf gegen Josef Weinheber in den Raum stellt. Auch für die eigene Karriere der Kampagnisierer lässt sich aus solchen Verunglimpfungsstrategien leider immer noch tüchtig profitieren. Siehe das Geschehen während des vergangenen Sommers: Da hatte man es einer „Aktionskünstlerin“ verwehrt, eine Installation, mit der sie mahnend an die in den dreißiger Jahren bei Kirchstetten siedelnden Roma und Sinti und deren Deportation während der NS-Zeit erinnern wollte, in der Ortschaft aufzustellen. Daraufhin zettelte sie dort einen Protestmarsch gegen die vermeintlich einseitige Gedenkkultur der Dichter-Gemeinde an („die romantisierende Verehrung von NS-Poet und ,Dichterfürst‘ Josef Weinheber [sic!]“). Sie zog damit – allerdings von nicht mehr als einem Häufchen Getreuer begleitet – bis vor das Landhaus der Familie Weinheber-Janota und schaffte es mit ihren Vorwürfen während des „Sommerlochs“ sogar in die Fernsehnachrichten des ORF. Es war der offensichtliche Versuch, die Gemeinde mit Hilfe der inhaltlich völlig unzusammenhängenden Causa Weinheber in eigener Sache zu erpressen.

Genauere Begründungen, differenzierte Argumentation oder gar Bemühungen um tieferes Verständnis kann man in den öffentlichen, medial ausgeschlachteten „Debatten“ nicht mehr erwarten. Man kann jedoch einzelne besonnene Gegengewichte setzen. Für das Frühjahr 2016 ist von Seiten der Weinheber-Gesellschaft geplant, gemeinsam mit der Gemeinde Kirchstetten eine neue Informationstafel im öffentlichen Raum zu errichten, die durch profunde Angaben und verständnisvolle Gewichtung beispielhaft zeigen soll, wie man in angemessener Verantwortung mit der Erscheinung dieses Dichters aus bewegter Zeit umgehen kann.

Noch eine letzte Anmerkung in anderer, erfreulicherer Angelegenheit: Immer wieder werden der Weinheber-Gesellschaft kleinere und größere Bücherspenden aus der Weinheber-Literatur zugedacht. Wir nehmen diese gerne entgegen und sind dankbar dafür. Da aber unter den Konvoluten meist zahlreiche Bücher sind, die die Gesellschaft schon besitzt, möchten wir Duplikate gerne an Interessenten aus unserem Mitglieder- und Freundeskreis weitergeben – selbstverständlich kostenlos (allenfalls gegen eine kleine Spende an die Gesellschaft). Derzeit liegt u. a. eine Anzahl von Erstausgaben der Sammlung „Dokumente des Herzens“ – der letzten von Weinheber selbst betreuten Auswahl aus seinem Gesamtwerk, 1944 erschienen – vor. Aber auch andere Werke aus der Primär- und Sekundärliteratur sind zu vergeben. Bei Interesse wenden Sie sich bitte an Herrn Dr. Christoph Fackelmann (Tel.: +43 2233 57454; E-Mail: fackelmann@weinheber.at)!

Wie immer gilt: Über aktuelle Pläne und Veranstaltungen zum Thema Josef Weinheber informieren Sie nicht nur unsere brieflichen Aussendungen, sondern auch das „Weinheber-Forum“ im Internet, das Sie unter der Adresse http://weinheberforum.com erreichen. Gerne können Sie uns für diese Plattform auch auf Ihnen bekannte weitere Vorträge, Lesungen und Aufführungen aufmerksam machen (E-Mail-Kontakt: information@weinheber.at)!

Am Ende dieses Rundbriefs dürfen wir Sie wieder um die Überweisung Ihres Mitgliedsbeitrags ersuchen. Er bleibt auch für 2016 mit 21,80 € unverändert. Jede Überzahlung oder Spende stellt für unsere gemeinsame Arbeit eine wichtige Hilfe dar und wird dankbar entgegengenommen. Ein Erlagschein liegt bei. Bitte achten Sie darauf, Ihren Namen leserlich einzutragen, damit wir den Beitrag richtig zuordnen können!

Im Namen der Josef Weinheber-Gesellschaft wünsche ich Ihnen ein gutes und glückliches Jahr 2016 und verbleibe

mit herzlichen Grüßen

Christian Weinheber-Janota (Präsident)

Jahresbericht 2014 / Programmausblick 2015

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Freunde der Josef Weinheber-Gesellschaft!

Im vergangen Jahr konnten wir Ihnen einen neuen, umfangreichen Band unserer Schriftenreihe, der Literaturwissenschaftlichen Jahresgabe, vorlegen, und an der Zusammenstellung des nächsten Bandes wird bereits gearbeitet. Auch neue Quellenfunde gilt es dabei wieder zu dokumentieren. War es zuletzt vor allem die Erstveröffentlichung des Briefwechsels zwischen Josef Weinheber und Erwin Guido Kolbenheyer, die wir verwirklichen konnten, so steht nun u. a. eine bemerkenswerte Entdeckung zur Bearbeitung an, die Weinhebers Austausch mit dem Schriftsteller Otto Forst de Battaglia (1889-1965) erhellt. In den Jahren 1935 und 1936 machte dieser heute leider weitgehend vergessene Universalgelehrte mit österreichischen, polnischen und jüdischen Wurzeln und katholisch-konservativem Weltbild in mehreren Aufsätzen für ausländische Zeitschriften und Zeitungen auf Adel und Untergang und Wien wörtlich aufmerksam, so etwa in La Cité Chrétienne (Brüssel), La Vie Intellectuelle (Paris) Pion (Warschau), Books abroad (University of Oklahoma, USA). Forst-Battaglia rühmte die Kunst der Weinheberschen Lyrik in hohen Tönen, übte aber auch Kritik an dem vermeintlichen Naheverhältnis des Dichters zum nationalsozialistischen Deutschland. Weinheber selbst bekundete in einem Brief, den uns der Enkel und Nachlassverwalter, der österreichische Diplomat Direktor Dr. Jakub Forst-Battaglia, zur Verfügung stellte, eindrucksvoll seine unabhängige Geistigkeit, wenn er sie auch damals noch mit trügerischen Zukunftshoffnungen verband. Er schreibt u. a.:

„[…] Ihre knappe, aber so sachkundige Analyse meines Buches hat mir, mit den einigen anderen Stimmen aus der Welt, die sich jetzt bezeugend und begeistert zu mir finden, die Gewähr gegeben, daß mein Werk nicht untergehen wird. Es hat mich ergriffen, daß Sie sich gewissermaßen entschuldigen, weil Sie in Deutschland nichts für mich tun können, wo Sie in Ihrem Briefe doch so viele Möglichkeiten erörtern, meine Sache zu fördern. Dabei ist es doch heute so wichtig, daß die nichtdeutsche Welt von jener deutschen untergründigen Dichtung erfahre, die sich nicht wie die zeitgemäße in Führerromanen und Bauerngedichten erschöpft. […] Sie werden wohl begreifen, daß ein Mensch wie ich, der sich seit zweiundzwanzig Jahren mit dem Problem der sprachlichen Gestaltung herumschlägt, im deutschen Gegenwartsroman […] nicht gerade die dichterische Erfüllung sieht. […] An meiner literarischen Wiege ist, soweit es das Sprachgewissen betrifft, Karl Kraus Pate gestanden. Man wird nur ein wenig warten müssen, und es wird sich auch in Deutschland der reine Wert gegenüber dem Gesinnungspofel durchsetzen. Das dauert ja immer seine Zeit. Was wäre denn das für ein Wert, wenn er sofort und für jeden Commis auf der Hand läge. Ich warte schon so lange auf meine Zeit, und sie kommt nicht. Deshalb habe ich keinen Augenblick gezögert, das zu tun, was ich für notwendig halte. […]“ (7. November 1934)

Die Lage hat sich bis heute nicht so substantiell gebessert, wie es die zunehmende zeitliche Distanz erwarten ließe. Ganz im Gegenteil: Nach einer Phase wachsenden Verständnisses in den Nachkriegsjahrzehnten besteht heute noch weniger als zu Lebzeiten des Dichters die Bereitschaft und das Vermögen, angemessene geistige und künstlerische Maßstäbe an die Gestalt Josef Weinhebers anzulegen. Medien und Kulturpolitik ergötzen sich unterdessen auch noch beim sechzigsten oder siebzigsten Male daran, im einstmals berühmten Dichter den „Nazi“ zu entlarven, und selbst die Wissenschaft zieht es inzwischen vor, dieses Stereotyp zu reproduzieren, wie es zuletzt der mittlerweile auch in Buchform erschienene Bericht der sog. „Rathkolb-Kommission“ über politisch fragwürdige Wiener Straßenbenennungen zeigte. Was man hier immer von neuem als geschichtspolitische Aufklärungstat verkaufen möchte – ohne die dabei seit langem vorliegenden und bekannten Details wirklich zu überblicken und richtig einschätzen zu können –, das verschüttet den Zugang zum Werk, zum Eigentlichen des Dichters. Dabei handelt es sich hier um ein Werk, in dem jemand einen unabhängigen, freilich zutiefst tragischen Humanismus und eine fundamentale Distanz zum Zeitgeist der Epoche totalitärer Gewalt unter Beweis stellte wie kaum ein zweiter unter den in der „Ostmark“ verbliebenen und nach 1938 fortgesetzt publizierenden Schriftstellern (Zwischen Göttern und Dämonen, 1938; Kammermusik, 1939; Dokumente des Herzens, 1944; Hier ist das Wort, 1944/47).

Es ist inzwischen beinahe zur Gewohnheit in unserer oberflächlichen Mediengesellschaft geworden, Geschichte nur noch entlang von „Jubiläen“ zu betrachten. In immer engeren Abständen begeht man mit viel Aufregung und großem erzieherischen Aplomb diese „Gedenkjahre“; alle zehn, ja alle fünf Jahre bereits „kehren“ vor allem die Schreckenszäsuren der jüngeren Geschichte „wieder“. Im letzten Jahr ging es um den Beginn des Ersten Weltkriegs, heuer steht wieder einmal die Erinnerung an das Kriegsende 1945 auf dem Programm. Während Weinheber wie nur ganz wenige der österreichischen Schriftsteller seiner Generation von jenem ersten verhängnisvollen Ereignis des Zwanzigsten Jahrhunderts beinahe unberührt geblieben zu sein scheint, so fällt das zweite nicht nur durch zeitliche Koinzidenz, sondern auch durch innere Kausalverbindungen mit seinem eigenen Tod zusammen. Im Frühjahr 1945 nahm der durch die Zerstörungswut des Krieges und das Rasen der Unmenschlichkeit heillos verstörte Mann eine tödliche Dosis Morphium zu sich.

Die Josef Weinheber-Gesellschaft möchte dieses 70. Jahr nach dem Heimgang des Dichters nicht zu einem großen Gedächtnis-„Event“ stilisieren. Aber in der Nachfolge der auf viel Zustimmung gestoßenen Matinée mit Verena Noll vom 17. Februar 2013 („In jeder Welt aus Schein und Gram und Zahl / hab ich mich immer zu mir selbst bekannt.“ Große österreichische Lyrik von Josef Weinheber bis Ingeborg Bachmann) möchte sie es zum Anlass nehmen, Weinheber in einer weiteren Wiener Lesung künstlerisch einem breiteren Publikum näher zu bringen. Einladungen zu dieser Frühlingsveranstaltung, bei der diesmal die beliebte Burgschauspielerin Helma Gautier Weinheber interpretieren wird, werden gesondert an Sie ergehen.

In Anbetracht des Anlasses soll die Lesung diesmal den reichen Schätzen der späten Lyrik zugewandt sein. Sie soll außerdem Gedichte in Erinnerung rufen, die für oder über Josef Weinheber geschrieben wurden, wie etwa die schöne Elegie auf den Tod des Dichters von Josef Weber, die in der letzten Jahresgabe veröffentlicht werden konnte, oder Widmungsgedichte von Friedrich Sacher und Wilhelm Franke, und nicht zuletzt jenes großartige Gedicht, das Weinhebers posthumer Nachbar in Kirchstetten, der bedeutende englische Autor Wystan Hugh Auden, ihm nachsandte. Auch Auden, dessen einstige Wohnstatt in Kirchstetten jüngst mit viel Aufwand neu in Szene gesetzt wurde, erwähnt die politischen Verwerfungen, die ihn, der auf kommunistischer Seite im spanischen Bürgerkrieg gekämpft und Erika Mann in der Emigration durch eine Scheinehe zur englischen Staatsbürgerschaft verholfen hatte, vom Verstorbenen trennten; aber er tut es mit hoher Sensibilität: „[…] Yes, yes, it has to be said: / men of great damage / and malengine took you up. / Did they for long, though, / take you in, who to Goebbels’ / offer of culture / countered – in Ruah lossen? / But Rag, Tag, Bobtail / prefer a stink, and the young / condemn you unread. […]“ („Ja, ja, es muß gesagt werden: / Männer großen Unheils / und Übelwollens nahmen sich deiner an. / Doch für wie lange / wickelten sie dich ein, dich, / der auf Goebbels’ Kulturangebot, / entgegnete: in Ruah lossen? / Aber Krethi und Plethi / ziehen Skandale vor, und die Jungen / verdammen dich ungelesen.“) Und wie behutsam und vornehm gibt er sich, abermals Weinheber zitierend, Rechenschaft über die künstlerische Bedeutung dessen, dem er sich über die Gräben hinweg seelenverwandt fühlt: „[…] I would respect you also, / Neighbour and Colleague, / for even my English ear / gets in your German / the workmanship an the note / of one who was graced / to hear the viols playing / on the impaled green, / committed thereafter den / Abgrund zu nennen.“ („Doch möchte auch dich ich ehren, / Kollege und Nachbar, / denn selbst mein englisches Ohr / entdeckt in deinem Deutsch / die Meisterschaft und den Tonfall / eines, dem es vergönnt war, / das Spiel der Bratschen / auf umzäuntem Rasen zu hören, / und dem es später oblag, den / Abgrund zu nennen.“ [Übersetzung v. Herbert Heckmann]) In einem wenige Jahre vor seinem Tod geführten Gespräch unterstrich Auden, der mit der deutschen Lyrik gut vertraut war und sich ihr auch als Übersetzer angenähert hatte, seine Haltung: „[…] ich liebe Weinheber sehr, den die Deutschen vergessen oder, wie soll ich sagen, verdrängt haben“ (Süddeutsche Zeitung, 24./25. 9. 1983).

All das Aufsehen, das der aktionistische Wirbel um das Denkmal am Wiener Schillerplatz und den Ottakringer Weinheber-Platz ein ums andere Mal hervorzurufen versteht, soll indes nicht vergessen lassen, dass auch in unseren Tagen sehr verdienstvolle Taten der Weinheber-Pflege gesetzt werden. So ließ vom 28. Mai bis zum 14. Juni des vergangenen Jahres der Döblinger Heimatpfleger und Lokalhistoriker Wolfgang E. Schulz (www.döbling.com) auf eigene Initiative die in Josefsdorf auf dem Kahlenberg angebrachte Gedenktafel für Josef Weinheber einer Reinigung und Wiederherstellung der verblassten Gravur unterziehen. Der 1964 von der Weinheber-Gesellschaft auf der damals neuen Terrasse des Kahlenberges errichtete Dichterstein trägt als Inschrift berühmte Verse aus dem Lob der Heimat: „Doch den Kranz der Heimat gebt mir Wien, / lobt mir diese Stadt! […]“. Durch Verwahrlosung und Vandalismusakte war er in der letzten Zeit arg in Mitleidenschaft gezogen worden; nun erstrahlt er dank der Unternehmung von Wolfgang Schulz und der Arbeit des Restaurators Philipp Hauser in neuem Glanz (Döblinger Extrablatt Nr. 7, Herbst 2014).

Zuletzt soll noch auf eine bemerkenswerte archivarische Leistung hingewiesen werden: Dr. Volker Jehle, der Nachfahre der Württembergischen Musikverleger Johannes Jehle und Martin Friedrich Jehle, hat die musikhistorische Sammlung seines Hauses im Stauffenberg-Schloss Albstadt-Lautlingen bestandsmäßig aufgearbeitet und digital erfasst. Dieses Verzeichnis, das bereits in 2. Auflage vorliegt, kann unter der Netzadresse http://www.sammlungjehle.com eingesehen werden. Für die Weinheber-Freunde ist es deshalb interessant, weil darin auch eine bei Jehle erschienene, reichlich seltene Vertonung aus Josef Weinhebers Kalenderbuch O Mensch gib acht dokumentiert ist: der Liederzyklus Das Jahr, den der mit dem Wiener Dichter befreundete junge Komponist Georg Krietsch 1939 in Druck gab. Auch die zu dieser Publikation gehörige Titelgraphik Hans Geißlers befindet sich hier.

Übrigens: Über aktuelle Pläne und Veranstaltungen zum Thema Josef Weinheber informieren Sie nicht nur unsere brieflichen Aussendungen, sondern auch das „Weinheber-Forum“ im Internet, das Sie unter der Adresse https://weinheberforum.wordpress.com erreichen. Gerne können Sie uns für diese Plattform auch auf Ihnen bekannte weitere Vorträge, Lesungen und Aufführungen aufmerksam machen (E-Mail-Kontakt: information@weinheber.at)!

Am Ende dieses Rundbriefs dürfen wir Sie wieder um die Überweisung Ihres Mitgliedsbeitrags ersuchen. Er bleibt auch für 2015 mit 21,80 € unverändert. Jede Überzahlung oder Spende stellt für unsere gemeinsame Arbeit eine wichtige Hilfe dar und wird dankbar entgegengenommen. Ein Erlagschein liegt bei. Bitte achten Sie darauf, Ihren Namen leserlich einzutragen, damit wir den Beitrag richtig zuordnen können.

Im Namen der Josef Weinheber-Gesellschaft wünsche ich Ihnen ein gutes und glückliches Jahr 2015 und verbleibe

mit herzlichen Grüßen

Christian Weinheber-Janota e. h. (Präsident)

Jahresbericht 2013 / Programmausblick 2014

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Freunde der Josef Weinheber-Gesellschaft!

Der im letzten Jahresbericht angekündigte aktuelle Band unserer neu belebten Schriftenreihe, der „Literaturwissenschaftlichen Jahresgabe der Josef Weinheber-Gesellschaft“, ist erschienen. Im vergangenen Jahr konnte die Arbeit an dieser umfangreichen Sammlung von Aufsätzen und Editionen abgeschlossen werden. Wir freuen uns, Ihnen das fertige Buch in Verbindung mit diesem Schreiben bereits vorlegen zu können. Wie immer erhalten alle Mitglieder der Josef Weinheber-Gesellschaft ein Freiexemplar. Sie haben durch Ihren Mitgliedsbeitrag mitgeholfen, die kostspielige Drucklegung zu ermöglichen. Da wir bei unseren Publikationen ganz ohne Subventionen von öffentlicher Hand auskommen müssen, sind wir für Zuwendungen, die über den Mitgliedsbeitrag hinausgehen, freilich gerade im Hinblick auf solche Projekte sehr dankbar!

Der über 300 Seiten starke Dreifachjahrgang unserer Schriftenreihe möchte ein kräftiges Zeichen setzen, das für eine sachgerechte, sowohl von Sympathie als auch von kritischem Interesse und Differenzierungsvermögen getragene Befassung mit Josef Weinheber und dessen Epoche steht. Sie finden in dem Buch eine Reihe von literarhistorischen Darstellungen und Analysen, die sowohl Josef Weinheber selbst als auch „benachbarten“ Schriftstellern und dem literarischen Leben seiner bewegten Zeit gelten. Darüber hinaus aber bietet der Band auch Einsichten in wertvolle und aufschlussreiche Originalquellen, die zuvor noch nie das Licht der Öffentlichkeit erblickten. So ist etwa ein großer Abschnitt dem Briefwechsel gewidmet, den Weinheber mit einem faszinierenden Zeitgenossen, dem einzelgängerischen Dichterphilosophen Erwin Guido Kolbenheyer, führte. Weiters ist eine kleine Skizze zu finden, in der der Militärtierarzt Franz Huber die Erinnerungen an seine während des Krieges, vermutlich 1943, erfolgte Begegnung mit Josef Weinheber festhielt. Zum Andenken an das vor wenigen Jahren verstorbene Ehrenmitglied Friedrich Jenaczek ist ein umfangreicher Brieftraktat aufgenommen, den der große Weinheber-Philologe an den nach Jerusalem emigrierten Schriftsteller und Literaturgelehrten Werner Kraft richtete. Darin entfaltete er bereits 1963 die Grundzüge jener tief schürfenden Auseinandersetzung mit dem Werk Weinhebers (und Karl Kraus’), die ihn sein Leben lang begleiten sollte. Nicht zuletzt sei in diesem Zusammenhang noch auf ein besonderes Fundstück hingewiesen, das die neue „Jahresgabe“ bereithält: Es ist ein bisher unbekanntes, ergreifendes Totengedicht auf Josef Weinheber, das der niederösterreichische Arzt und Dichter Josef Weber-Wenzlitzke – nicht nur ein Jahrgangsgenosse, der mit dem berühmten Lyriker aus Kirchstetten persönlichen Umgang pflegte, sondern in manchem auch ein Seelenverwandter – kurz nach dem Ende des Krieges verfasste. Eine Niederschrift gelangte über den Antiquariatshandel glücklich in die Hände Ralf Gnosas, des Geschäftsführers der Paul Ernst-Gesellschaft, der uns in seinem Beitrag das Gedicht und den Autor Josef Weber näher bringt.

Ein Anhang zu dem neuen Band dokumentiert eine weniger erfreuliche Entwicklung, die uns durch das vergangene Jahr begleitete: die Kampagne gegen das Denkmal für Josef Weinheber, das 1975 von der Weinheber-Gesellschaft auf dem Schillerplatz bei der Akademie der bildenden Künste in Wien errichtet worden war. Im Sommer 2013 eskalierte der schon länger flackernde Streit, als eine Gruppe „antifaschistischer“ Kunststudenten den Sockel des Denkmals zum Zwecke einer „künstlerischen Intervention“ mutwillig bloßlegten. Sie wollten damit auf ihre an dem „Nazi-Dichter“ Josef Weinheber festgemachten „geschichtspolitischen“ Forderungen aufmerksam machen und einen radikaleren Umgang Wiens mit vermeintlichen Spuren unbewältigter Vergangenheit bewirken. Manche Medien nützten die erklärtermaßen widerrechtlich erfolgte, von der zuständigen Behörde selbstverständlich nicht genehmigte Nacht- und Nebel-Aktion, um die Aufregung zu schüren; einige Prominente und sogar ein Teil der Stadtverantwortlichen solidarisierte sich mit den Kulturkämpfern. Etwa zur gleichen Zeit präsentierte eine von der Stadt eingesetzte Projektgruppe um den Zeithistoriker Oliver Rathkolb unter großem medialen Aufsehen ihren Bericht über jene Straßenbenennungen Wiens, die aus ihrer Sicht in „geschichtspolitischer“ Verantwortung zu hinterfragen seien. Auch dabei geriet u. a. Josef Weinheber – nach dem ein unscheinbarer Platz in seinem Heimatbezirk Ottakring benannt ist – in den Fokus der Kritik.

Die Weinheber-Gesellschaft sah sich angesichts dieser Zuspitzungen zum Einschreiten genötigt. Die Zeugnisse ihrer Intervention sind im vorliegenden Band, gemeinsam mit einer Stellungnahme aus Anlass eines früheren Aufflammens der Denkmalsturz-Kampagne, abgedruckt. Ihr Offener Brief an den zuständigen Kulturstadtrat brachte in Verbindung mit einer energischen Fürsprache der Bezirksvorsteherin der Inneren Stadt, Ursula Stenzel, im Frühherbst 2013 erste Gespräche mit dem Büro des amtsführenden Stadtrats für Kultur und Wissenschaft, Dr. Andreas Mailath-Pokorny. Dessen zuständige Mitarbeiter äußerten Bedauern über die voreilige Solidaritätsadresse des Stadtrats zugunsten des als Kunst verbrämten Vandalismusaktes. Man gestand auch ein, sich vor den einschlägigen Presseerklärungen nicht über Herkunfts- und Besitzverhältnisse des Denkmals orientiert zu haben. Den Vertretern der Weinheber-Gesellschaft sicherte man nun zu, künftig keinerlei Entscheidungen und Maßnahmen in der Sache des Denkmals am Schillerplatz ohne Einbindung des Stifters und Errichters zu unterstützen oder zu betreiben.

Zugleich machte man aber klar, dass die Absicht der Stadtregierung aufrecht bleibe, das Denkmal einer „kritisch kontextualisierenden“ Adaption zu unterziehen, sei es bloß durch Errichtung einer erläuternden „Zusatzttafel“, sei es im Zuge des Programms „Kunst im öffentlichen Raum“ (KÖR), also durch eine weitere, womöglich dauerhafte „künstlerische Intervention“. Die Vertreter der Weinheber-Gesellschaft äußerten ihre grundsätzliche Diskussionsbereitschaft und erklärten sich willens, an einer von Verständnis und Sachverstand getragenen Lösung des Konflikts mitzuarbeiten. Sie stellten jedoch ihrerseits klar, dass aus ihrer Sicht nicht daran zu denken sei, das Denkmal dazu zur Verfügung zu stellen, dass sich an ihm in plakativer Weise der zeitgeistige Vergangenheitsbewältigungsfuror austoben könne, sodass alles darauf hinausliefe, an Weinheber ein politisches Exempel in eigener Sache zu statuieren. Den Überlegungen, das Monument in das städtische „KÖR“-Programm einzubeziehen, stehen wir in Anbetracht dessen skeptisch bis ablehnend gegenüber.

Hingegen wurde noch im Herbst ein von der Gesellschaft erarbeiteter erster Entwurf für eine Inschrift, die auf einer etwaigen separaten Informationstafel auf der Grünfläche neben dem Denkmal anzubringen wäre, den Referenten des Stadtrats vorgelegt. Die von deren Seite angekündigten weiterführenden Gespräche haben bis jetzt allerdings nicht stattgefunden. Unser Textvorschlag bemüht sich vor allem um sachgerechte Abwägung. Er muss versuchen, einerseits unser eigentliches Interesse, die gesamtheitliche Perspektive auf den heute ja kaum noch bekannten Dichter, zu wahren und andererseits die politisch-historische Problematik, um die es den Vertretern der Stadtregierung geht, auf den Punkt zu bringen, und zwar so, dass es mit der unbedingt gebotenen Umsicht geschieht. Die schwierigen und vielschichtigen Verhältnisse sind ja gerade nicht an einem Schwarz-Weiß-Schema festzumachen und in wenigen Sätzen entsprechend schwer zu vermitteln:

Josef Weinheber, geboren am 9. 3. 1892, gestorben am 8. 4. 1945, ehemaliger Waisenhauszögling aus der Wiener Vorstadt Ottakring, entwickelte seit Anfang der zwanziger Jahre seine Poetik des „reinen Gedichts“. Seine lyrischen Hauptwerke standen im Zeichen eines an Karl Kraus geschulten „Sprachgewissens“ und knüpften an den „Zeitkampf“ der „Fackel“ an („Adel und Untergang“, 1934, „Späte Krone“, 1936). In seiner beliebten Sammlung „Wien wörtlich“ (1935) entwarf Weinheber in der Tradition Nestroys ein lyrisches Porträt der Stadt, ihrer Typen, Landschaften und Szenerien. Dem radikalen Formbewusstsein entsprach das Bekenntnis zu einem tragischen Humanismus: Durch Sprache wird der Mensch „eine geistige Wirklichkeit“; Kunst in sprachvergessener, tatberauschter Zeit ist „Dienst im aufgelösten Heiligtume“.

Anfang der 1930er Jahre sympathisierte Weinheber mit einer „nationalen Revolution“, von der er sich vor allem kulturpolitisch die Überwindung des verachteten Systems erhoffte. Er war zeitweilig Mitglied der NSDAP und engagierte sich bei dem Versuch, österreichische Schriftsteller in deren Umfeld zu versammeln. Obzwar rasch ernüchtert, von der völkischen Ideologie und deren literarischer Doktrin („Blut und Boden“) abgestoßen, löste er sich doch zeitlebens nicht mehr von diesem Lager. In seinen Büchern blieb er kompromisslos und stellte dem „grässlichen Herrn der Erde“ sein Ideal vom „Menschen der Mitte“ entgegen. Dem „Anschluss“ Österreichs an Hitler-Deutschland im März 1938 begegnete Weinheber bereits mit Ablehnung, über den Verlauf zeigte er sich entsetzt. Von äußeren und inneren Zwängen genötigt, fand er sich danach dennoch immer wieder bereit, Auftragstexte zu offiziellen politischen Anlässen zu verfassen („Hymnus auf die Heimkehr“, 1938, „Wien an den Führer“, 1943, etc.). Er ließ sich ehren und feiern.

Trotzdem empfand er seinen späten Ruhm von Anfang an als „Mißverständnis“: „Ich mußte, seitdem ich berühmt bin, dem Mob aller Schattierungen meinen Tribut zahlen. Gleichwohl weiß ich um meine Substanz. Sie ist umschrieben mit: Einsamkeit, Urangst, Frömmigkeit.“ Seine letzten Gedichtzyklen („Zwischen Göttern und Dämonen“, 1938, „Kammermusik“, 1939, „Hier ist das Wort“, postum 1947) betonen den Widerspruch zu jener Welt. Sie bezeugen eine unabhängige menschliche und künstlerische Haltung sowie eine ebenso zeit- wie selbstkritische Geistigkeit. Josef Weinheber starb, zerrüttet und verzweifelt, an einer Überdosis Morphium.

Es sollte allen Freunden Josef Weinhebers und ganz besonders den Mitgliedern und Mitwirkenden in der Josef Weinheber-Gesellschaft ein dringendes Anliegen sein, für das Verständnis einzutreten, das Werk und Persönlichkeit unseres Dichters verdienen, das diesen aber in einer auf Schlagwörter und Klischees konzentrierten Öffentlichkeit zusehends verweigert wird. Unterstützen Sie daher bitte unsere Bemühungen um Aufklärung und kompetente Einflussnahme auch in dieser bedauerlichen Angelegenheit!

In diesem Sinne dürfen wir das an den Schluss des letzten Jahresrundbriefs gestellte Bekenntnis wiederholen: Wir wollen gemeinsam, aber auch jeder für sich mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln und Möglichkeiten für eine erweiterte Wertschätzung und vertiefte Kenntnis der Gestalt unseres Dichters eintreten! Auch heuer sei daran der Hinweis geknüpft: Über aktuelle Pläne und Veranstaltungen zum Thema Josef Weinheber informieren Sie nicht nur unsere brieflichen Aussendungen, sondern auch das „Weinheber-Forum“ im Internet, das Sie unter der Adresse https://weinheberforum.wordpress.com erreichen. Dort finden Sie nicht nur die von der Weinheber-Gesellschaft selbst gestalteten Programmpunkte und alle unsere Mitteilungen laufend angezeigt, sondern auch Hinweise auf verschiedene Veranstaltungen aus den erweiterten Kreisen der Weinheber-Pflege. Gerne können Sie uns zu diesem Zweck auch auf Ihnen bekannte weitere Vorträge, Lesungen oder Aufführungen aufmerksam machen (E-Mail-Kontakt: information@weinheber.at)!

Zu guter Letzt dürfen wir um Überweisung des Mitgliedsbeitrages bitten, der auch für 2014 mit € 21,90 unverändert bleibt. Für jede Überzahlung oder Spende sind wir, wie anfangs erwähnt, überaus dankbar. Bankdaten: IBAN: AT 736 000 000 007 777 752, BIC: OPSKATWW (Josef Weinheber-Gesellschaft, Kirchstetten).

Mit lieben Grüßen

Christian Weinheber-Janota e. h. (Präsident)