Änderungen in der Veranstaltungsplanung für das Frühjahr 2020

Sehr geehrte Damen und Herren!

Die Verordnungen der Behörden zur Eindämmung der sogenannten COVID-19-Pandemie machen es leider unmöglich, die Sonntagsmatinee zum Gedenken des 75. Todestages von Josef Weinheber am 26. April 2020 durchzuführen. Wir wollen die Veranstaltung mit Martin Haidinger und Ingomar Kmentt selbstverständlich nicht gänzlich absagen, müssen sie aber auf einen späteren Termin verschieben. Aus heutiger Sicht ist geplant, sie im Herbst 2020 nachzuholen. Da aber Ausmaß und Dauer der Einschränkungen des Veranstaltungswesens in Wien derzeit noch nicht abzuschätzen sind, können wir noch keinen konkreten Ersatztermin nennen. Wir werden Sie in unseren weiteren Postaussendungen sowie auf diesem Forum im Internet informieren, sobald sich die Lage geklärt hat, und bitten Sie herzlich um Verständnis für diese Maßnahme. Bitte bleiben Sie uns auch an dem Ersatztermin treu, damit wir die Erinnerungsfeier gebührend begehen können! Das Programm, das die Künstler vorbereitet haben, verspricht ein sehr schönes Ereignis für alle Weinheber-Freunde zu werden!

Die geplante Veranstaltung am 14. Mai 2020 unter dem Motto „Was vom Dichter blieb wurde vorerst noch nicht abgesagt. Ihre termingerechte Durchführung steht aber aus den gleichen Gründen in Frage. Bitte informieren Sie sich über mögliche Terminverschiebungen auf unserer Netzseite oder telefonisch unter den Nummern +43 (0)1 5059660 (Volksbildungskreis) bzw. +43 (0)2743 8989 (Weinheber-Gesellschaft)! Natürlich bemühen wir uns auch hier für den Fall, dass die behördlichen Einschränkungen zum vorgesehenen Zeitpunkt immer noch aufrecht sind, um einen Nachholtermin mit unserem Stuttgarter Mitglied Mag. Hans-Ulrich Kopp, der uns anhand von neuen Funden und wertvollen Stücken aus seiner Sammlung Josef Weinheber in einer sehr spannenden Sicht vorstellen wird.

Aus Anlass des Gedenkjahres haben wir für unsere Mitglieder heuer wieder eine gedruckte Jahresgabe vorbereitet. Mit ihr setzen wir zugleich unsere Reihe „Contineri Minimo“ fort, in der Raum für  besondere Veröffentlichungen ist, die nicht für den breiten Buchhandel bestimmt sind. Unter dem Titel „Widmungen. Ausgewählte Buchinschriften aus Josef Weinhebers Arbeitsbibliothek“ versammelt das neue Bändchen eine Serie von Widmungseinträgen aus Buchgeschenken, die zum erhaltenen Bestand der Dichterbibliothek in Kirchstetten gehören. Hier gibt es nicht nur berühmte Namen – von Theodor Haecker über Franz Theodor Csokor bis zu Ina Seidel –, sondern auch hochinteressante Geschichten zu entdecken. Das Bändchen ist druckfertig – bis auf einige Photographien, die noch nachzutragen sind. Das kann leider ebenfalls erst nach Wiederherstellung des Normalzustands in unserem Land geschehen. Aus diesem Grund müssen wir Sie auch dafür noch um etwas Geduld ersuchen.

Wir wünschen Ihnen, dass Sie und Ihre Familie gesund und wohlbehalten durch die Zeit des Ausnahmezustands kommen, und verbleiben mit herzlichen Grüßen

im Namen des Vorstands der Josef Weinheber-Gesellschaft

Martin Sperl (Schriftführer)
Dr. Christoph Fackelmann (Präsident)

Jahresbericht 2019 / Programmausblick 2020

Kirchstetten, Anfang Februar 2020

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Mitglieder und Freunde der Josef Weinheber-Gesellschaft!

Das Jahr 2020 steht für unseren Kreis im Zeichen der 75. Wiederkehr des Todestages von Josef Weinheber. Am 8. April 1945 kehrte der von Nervenzerrüttung und Depressionen geplagte Dichter aus dem durch Morphium induzierten Schlaf nicht mehr ins Leben zurück. Am 10. April, inmitten der Wirren der letzten Kriegstage, begrub man ihn am Rande seines Gartens.

Erinnerung an den 75. Todestag

Wir wollen dieses Datums unter anderem mit einer festlichen Veranstaltung in Wien, der Heimatstadt Josef Weinhebers, gedenken: Am 26. April 2020 laden wir unter dem Motto „Ein årmer Dichter, wenig nur bekannt …“ zu einer Sonntagsmatinee in den Festsaal des Hotels Fleming’s Selection Wien-City, Josefstädter Straße 10-12, 1080 Wien (Beginn: 11:00 Uhr, Eintritt für Mitglieder: € 10, für Gäste: € 12; im Anschluss Gelegenheit zu Speis und Trank im Restaurant des Hotels).

Martin Haidinger wird Wiener Gedichte von Josef Weinheber stimmlich in Szene setzen. Für den musikalischen Teil wird Ingomar Kmentt mit Gesang und Gitarre sorgen. Dr. Christoph Fackelmann wird das Programm gestalten und einführende Worte sprechen.

Kartenreservierungen sind unter der Telefonnummer +43 (0)2743 8989 oder der E-Mail-Adresse weinheberforum@aon.at möglich, Tischreservierungen für das Restaurant unter der Telefonnummer +43 (0)1 205 99 DW 1916. Eine offizielle Einladung wird unseren Mitgliedern noch gesondert zugehen.

Wir haben uns entschossen, in dieser Gedenkveranstaltung einen Ton anzuschlagen, der Weinhebers eigenen Intentionen gerechter wird als ein Rückblick auf ein zerstörtes Leben in finsterer Zeit. Sicherlich darf es bei einem solchen Anlass nicht an ernsten Kontrapunkten fehlen, aber im Mittelpunkt sollen diesmal ganz bewusst der große Humor, die Satire und der liebevollen Sprachwitz stehen, mit dem Weinheber „Alt-Wien“ ein Denkmal setzte und „Neu-Wien“ einen Spiegel vorhielt. Das Motto, die Anfangsworte aus dem berühmten Leitspruch zu Wien wörtlich, lassen sich so auch als ein ironischer Seitenhieb auf die tatsächliche Ignoranz auffassen, die Weinheber im heutigen, ganz und gar „neuen“ Wien entgegentönt.

Als er noch lebte …

Ein Nachklang zu dem Gedenken steht am Donnerstag, den 14. Mai 2020, auf dem Programm: An diesem Tag laden wir unter dem Titel „Was vom Dichter blieb …“ zu einer kleinen Autographenschau im Zeichen Josef Weinhebers (Ort: Weinhebersaal des Volksbildungskreises, Prinz-Eugen-Straße 44, 1040 Wien, Beginn: 17:30 Uhr,
T: +43 (0)1 5059660; Eintritt frei).

Dabei wird Dr. Christoph Fackelmann gemeinsam mit dem Stuttgarter Autographensammler Mag. Hans-Ulrich Kopp interessante Briefe, seltene Manuskripte und weitere überraschende Fundstücke präsentieren, die einen ganz besonderen Eindruck von Leben und Schaffen des Dichters vermitteln. Sogar ein bislang unbekanntes Werk des Malers Weinheber wird zu bewundern sein (ein Foto der Landschaftsminiatur ziert die Titelseite dieses Falters). Wir nähern uns dem Künstler also über eine Auswahl wertvoller Lebenszeugnisse, die sich erhalten haben.

Auf weitere Termine werden wir Sie wie gewohnt in unseren Aussendungen und auf dem „Weinheber-Forum“ im Internet aufmerksam machen. Wenn sie rechtzeitig fertig wird, können wir unseren Mitgliedern im Gedächtnismonat April auch eine neue Jahresgabe vorlegen: eine weitere Ausgabe unserer Kleinschriftenreihe Contineri Minimo, die ausgewählte Widmungen für Josef Weinheber aus dessen Bibliothek vorstellt: von Christian Morgenstern bis Dr. Owlglass, von Heinrich Suso Waldeck bis Romano Guardini und von Wilhelm Szabo bis Rose Ausländer.

Weinheberiana 2019

Das vergangene Kalenderjahr brachte für die Freunde Josef Weinhebers Licht und Schatten. Wir blicken auf eine Reihe gelungener Veranstaltungen zurück, unter denen der herbstliche Nachmittag in der Weinheber-Gemeinde Kirchstetten herausragt (s. Foto unten). Dieser 10. November − Motto: „Ach, ich Österreicher!“ − brachte das Debüt des Wiener Schauspielers und Vortragskünstlers Kurt Hexmann an der Seite Ulli Fessls, zog zahlreiche Besucher an und wurde ein großer Erfolg, nicht zuletzt auch dank der feinsinnigen musikalischen Begleitung von Junko Tsuchiya und Taner Türker.

Einige kleinere Lesungen und Vorträge rundeten das Jahresprogramm der Weinheber-Gesellschaft vielfältig ab, darunter ein zweiteiliger Zyklus über „Gedichte des Glaubens und der Gottsuche“ im Rahmen der Lyrik-Reihe der Kulturinitiative „consideratio“ im Begegnungszentrum „Quo vadis“ auf dem Wiener Stephansplatz (9. 3. und 12. 10. 2019).

Der Unterzeichnete sprach außerdem wieder bei verschiedenen Anlässen in akademischem Rahmen über Josef Weinheber, so etwa an der Theologischen Hochschule Trumau (4. 5. 2019; hier das Video) und an der Universität Pécs / Fünfkirchen (10. 5. 2019). Ende des vergangenen Jahres erschien mit der 70. Lieferung des von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften herausgegebenen Österreichischen Biographischen Lexikons 1815−1950 (auch im Internet zugänglich: http://www.biographien.ac.at) der von ihm verfasste Eintrag zu Weinheber. Diese biographische Skizze bemüht sich um möglichste Objektivität auf knappstem Raum.

Eine Lektion in „Geschichtspolitik“

Das Streben nach Sachlichkeit und historischem Verständnis, das solche und ähnliche Versuche leitet, ist indes etwas, was den Machenschaften rund um das Denkmal für Josef Weinheber auf dem Schillerplatz im 1. Wiener Gemeindebezirk völlig abgeht. Nur als Farce kann unter vernünftigen Gesichtspunkten verbucht werden, dass die Stadtregierung im Frühjahr 2019 grünes Licht (und öffentliches Geld) für die Umgestaltung des von der Weinheber-Gesellschaft im Jahr 1975 gestifteten Erinnerungszeichens zu einem „antifaschistischen“ Mahnmal gab. Unter der Ägide der neuen Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler und unter kräftigem Beifall einiger Vertreter der intellektuellen Nomenklatura ließ man das Fundament des Denkmals ausheben und dieses selbst schief stellen. Diese „permanente Intervention“ soll symbolisch sichtbar machen, dass die Stadt die Schatten des Bösen in ihrer Geschichte, repräsentiert durch die blinde Verehrung für den hier verewigten Dichter, viel zu lange verdrängt habe. Eine Art Warntafel „informiert“ nun die Passanten über das vermeintliche Monument unbewältigter Vergangenheit. Abgesehen von seinen NS-Verstrickungen, werden Weinheber darauf auch sein „antimodernes Genius-Ideal“ und „seine übersteigerte Männlichkeit“ [sic!] zur Last gelegt.

Der Inhalt der Tafel ist ebenso wie das Konzept der Umgestaltung geistig nicht satisfaktionsfähig, vielmehr Ausdruck des deplorablen, ja geradezu erbärmlichen Zustands, in dem sich die Kulturöffentlichkeit der Bundeshauptstadt seit längerem befindet. Welche Blüten das treibt, demonstriert, dass die Stadtregierung das Recht zu dem Eingriff in das Denkmalensemble ausgerechnet jener „Plattform Geschichtspolitik“ übertrug, die für frühere Akte des Vandalismus gegen das Denkmal verantwortlich gezeichnet hatte, teils persönlich, teils über ihr Milieu. Nun ließe sich über den Denkmalkult früherer Zeiten oder auch ‒ mutatis mutandis ‒ unserer Gegenwart auf anderem Niveau sicher trefflich streiten. Mit ihrer Entscheidung aber erteilte die Stadtregierung dem aggressiven Kulturkampf einer Gruppe den offiziellen Sanktus, die unter dem Vorwand des Nazijägertums gegen eine besonnene, ideologiefreie, ungezwungene Erinnerung an all jene Teile der Wiener Kulturgeschichte vorgeht, die ihrer antibürgerlichen, wenn nicht explizit linksradikalen Agenda im Wege stehen.

Die Weinheber-Gesellschaft als Errichterin des Denkmals wurde − entgegen früheren Zusagen − überhaupt nicht in die Entscheidung einbezogen, ja nicht einmal vom Vollzug in Kenntnis gesetzt. Leider gab es auch keine namhaften Proteste gegen den Vorfall; Unterstützung von einflussreicher Seite blieb bisher ebenso aus.

Umso schmerzlicher wurde uns da der Verlust bewusst, den das überraschende Ableben unseres verdienten Mitglieds Mag. Dr. Helmut Noll († 27. 5. 2019) für die Weinheber-Freunde bedeutete (s. Foto unten). Er war es gewesen, der bei dem letzten, noch abgewendeten Versuch, das Denkmal politisch zu instrumentalisieren, erfolgreich die Initiative ergriffen hatte. ‒ Einen Nachruf finden Sie hier.


Die jüngsten Geschehnisse unterstreichen eines: Dass es in diesen politisch aufgewühlten, von kulturellem Unverständnis und von Unbildung bestimmten Tagen darauf ankommt, ein Forum wie das unsere aufrechtzuerhalten, das sich einer gerechten und daher einzig wirklich produktiven Gedächtnispflege verschrieben hat. Das bedeutet ja gerade nicht Kritikverweigerung, rückt aber den bleibenden Wert der Kunst Josef Weinhebers in den Mittelpunkt.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein gutes Jahr 2020 und verbleibe im Namen der Josef Weinheber-Gesellschaft
mit herzlichen Grüßen
Ihr

Dr. Christoph Fackelmann
Präsident der Josef Weinheber-Gesellschaft

Hier finden Sie die vollständige Fassung des Jahrersberichts im Original-Falterformat als PDF zum Herunterladen.

Zum Tod von Helmut Noll

Helmut Noll (1941-2019)

Am 27. Mai dieses Jahres verstarb der Wiener Jurist und Philologe Mag. Dr. Helmut Noll. Er war seit langem Mitglied der Josef Weinheber-Gesellschaft, zu der er durch seine Freundschaft zu dem Ehrenmitglied der Gesellschaft HR Dr. Karl Josef Trauner (1932–2015) gefunden hatte. Vor allem in den letzten zehn Jahren hatte Helmut Noll sich sehr stark in die Aktivitäten der Weinheber-Gesellschaft eingebracht. Er hatte sich sowohl als juristischer Berater in schwierigen Angelegenheiten als auch als Mitorganisator einiger der größten und erfolgreichsten Veranstaltungen bleibende Verdienste erworben. Seiner Initiative verdanken sich u. a. die Weinheber-Gastspiele seiner in Leipzig als Schauspielerin reüssierenden Tochter Verena Noll im Theater Spielraum 2011 und im Parkhotel Schönbrunn 2013 sowie die Weinheber-Matinée von Helma Gautier 2015. Im heurigen Jahr hätte Helmut Noll in den Vorstand der Weinheber-Gesellschaft eintreten sollen, wodurch endlich auch durch eine offizielle Funktion seine Rolle als Anreger, Mitarbeiter und stets hilfreicher Ratgeber Niederschlag gefunden hätte. Leider hat sich dieser schon lange gehegte Wunsch der derzeitigen Vereinsleitung nun nicht mehr erfüllt. Wir verlieren einen vorzüglichen Weinheber-Kenner und einen liebenswürdigen Freund und Weggefährten. Er läßt eine große Familie mit Ehefrau, Kindern und Enkelkindern zurück, denen unser tiefes Mitgefühl gilt.

Die „Wiener Sprachblätter“ veröffentlichen in ihrer Ausgabe von September 2019 einen Nachruf auf Helmut Noll, den wir mit freundlicher Zustimmung der Redaktion im Folgenden wiedergeben:

 

Sprachlust – Bildung – Glaube
Mag. Dr. Helmut Noll zum Gedächtnis

Die Fassungslosigkeit, die sich unser bemächtigt, wenn ein Mensch unserer engeren Umgebung, ein hochgeschätzter Freund, Weggefährte und Mitstreiter, völlig unerwartet aus dem Leben gerissen wird, ist nicht nur Ausdruck der Bestürzung, die dem Verlust innewohnt, und Widerschein der großen Vergänglichkeit, die uns alle selbst bedroht. Sie hat auch mit der Trauer zu tun, die beobachten muß, daß Lebensbahnen abbrechen und eine Leere zurückbleibt, die von unvollendeten Vorhaben, nicht verwirklichten Plänen, verblühten Hoffnungen und Wünschen zeugt. So ist es im Falle des Todes von Helmut Noll, der uns am 27. Mai dieses Jahres überraschte. Der Verein „Muttersprache“, die „Wiener Sprachblätter“ und jenes Österreich, dem Sprachkultur noch immer ein hohes Anliegen ist, verlieren einen treuen, klugen und kritischen Geist. Der Verfasser dieser Zeilen vermißt einen väterlichen Freund, dem er viel verdankt und manches schuldet.

Helmut Noll stand im 78. Lebensjahr. Er wurde am 30. Juli 1941 in Wien geboren und war der Sohn des bedeutenden österreichischen Altertumswissenschaftlers und Archäologen Rudolf Noll (1906–1990). Zunächst absolvierte er ein Studium der Rechtswissenschaften, promovierte und schlug den beruflichen Weg eines Richters ein. Am Ende seiner juristischen Laufbahn amtierte er in verantwortungsvoller Stellung als Vorsteher des Bezirksgerichts in Tulln. Aber zu seiner Persönlichkeit gehörte ganz entschieden, daß er in der Rechtspflege nicht Genüge fand, und so sehr er sie auch schätzte, so nahm ihn doch schon sehr früh die Begeisterung für die alten Sprachen gefangen. Den Prägungen des Vaterhauses folgend, erwarb er zusätzlich das Lehramt für Klassische Philologie, um sich auch als Pädagoge verdienstvoll zu betätigen. Von der geglückten Symbiose zwischen den beiden Aufgabenbereichen, denen Helmut Noll sich beruflich verschrieben hatte, kündet die Textsammlung „Römisches Recht“ (1992, 2. Auflage 2002), die er gemeinsam mit Theo Mayer-Maly in der Schulbuch-Reihe „Latein in unserer Welt“ herausgab. Auch als Lektor für Neutestamentliches Griechisch an der Katholisch-Theologischen Fakultät seiner Alma Mater, der Universität Wien, wirkte er mit feinem Verstand und kundiger Hand. In den letzten Jahren widmete er sich im Rahmen des Lektüreseminars „Bibelgriechisch“ für die Theologischen Kurse der Erzdiözese Wien der sprachlichen Vermittlung neutestamentarischer Texte, immer auch deren poetische Qualitäten vor Augen. Es war nämlich die literarische Kunst, die neben der Welt der Sprachen, vielmehr durch diese recht eigentlich erschlossen, ein weiteres geistiges Lebenselexier des Verstorbenen darstellte, wie selbstverständlich begleitet von bürgergesellschaftlichem Engagement. In geradezu unentbehrlicher Weise brachte er sich etwa in die Josef Weinheber-Gesellschaft ein. Und auch sein letzter größerer Beitrag zu den „Wiener Sprachblättern“ galt einem verehrten Dichter: Anton Wildgans (WSB 4/2018). Mit diesem teilte er das Ideal eines edlen, das heißt besonnenen und geschichtsbewußten Österreichertums.

Ein heute fast aus der Zeit gefallener bildungsbürgerlicher Humanismus im besten Sinne des Wortes hatte ihn von den ehrwürdigen Sprachen des Altertums und deren romanischen Abkömmlingen – die Lektüre italienischer Tageszeitungen gehörte zur regelmäßigen Übung des Geistes – zur gesteigerten Aufmerksamkeit für alle Angelegenheiten seiner deutschen Muttersprache geführt. Sie hatte ihn deren tiefere Wertschätzung gelehrt, ihn aber auch sensibel gemacht für die Probleme und Gefahren unserer im Grunde längst sprachvergessenen Gegenwart. Dem „Verein der Freunde der im Mittelalter von Österreich aus besiedelten Sprachinseln“ („Sprachinselverein Wien“) stand er ebenso mit Rat und Tat zur Seite wie dem Verein „Muttersprache“, einer Sprachpflegeplattform stärker gesellschaftspolitischen Zuschnitts. Diese bereicherte er als Mitglied des Vorstands, einige Jahre hindurch sogar als Stellvertreter des Obmanns durch seine verläßliche, geistreiche, aber niemals pedantische Mitarbeit. Er bemühte sich in einer schwierigen Phase der Vereinsgeschichte um die bitter notwendige ideelle Öffnung der in die Jahre gekommenen Institution und um eine der modernen Gesellschaft gegenüber aufgeschlossene Bereitschaft zur Selbsthinterfragung. Er zog neue Vortragende heran – von Luis Thomas Prader bis Dr. Tomas Kubelik –, gewann wichtige neue Mitarbeiter (wie den Diplomaten und Sprachuniversalisten Dr. Oswald Soukop, einen einstigen Schulkameraden) und wirkte an der Organisation von erfolgreichen Veranstaltungen mit. Mich selbst bewog er Ende 2010 als „Milieufremden“ zur Übernahme des Schriftleiteramts der „Wiener Sprachblätter“ und trug den damit eingeläuteten publizistischen Neubelebungsversuch maßgeblich mit.

Die Paarung von Juristerei und Sprachlust ist alt und fruchtbar; das Studium der klassischen Sprachen und Literaturen bildet – heutiger „Bildungspolitik“ zum Trotz – zweifellos das beste Fundament für ein breites Interesse an Fragen der eigenen Muttersprache als einer großen, bewahrenswerten Kultursprache. Dabei ergibt das Wissen um die kunstvolle Gesetzmäßigkeit und sinnreiche Ordnung des Deutschen den Maßstab für ein vielleicht recht unromantisches, aber hellhöriges und klarsichtiges Verhältnis zu alten und neuen Herausforderungen an Sprachpflege und Sprachkritik.

Am 12. Juni 2019 wurde Helmut Noll im Familiengrab auf dem beschaulichen Pötzleinsdorfer Friedhof im 18. Wiener Gemeindebezirk zur letzten Ruhe gebettet. Der Familie, der Witwe Irene, Sohn Bernhard und Tochter Verena sowie den Enkelkindern und weiteren Angehörigen, entbot eine große Schar von Trauergästen ihre Anteilnahme, vereint im Gedächtnis an die liebe Seele. Das Gedenkkärtchen verkündet den schönen Wahlspruch „Lebe im Licht!“ Dieses thomistische Bekenntnis atmet zum einen das Bewußtsein der Heimat, die der Betrauerte zeit seines Hierseins im Gebäude des christlichen Glaubens und in der Kirche gefunden hatte, und es spricht zum anderen aus, was Auftrag an alle sein kann und soll, meint doch das Leben im Lichte nichts Geringeres als ein Leben im Wort, aus dem Geiste der Heiligen Schrift und in jener Welt, die Jesus Christus bedeutet.

In der Erinnerung an Helmut Noll und dessen vorbildliche Liebe zur Sprache entfaltet dieses Letztgültige eine tröstliche Anwesenheit.

(Christoph Fackelmann)