Lieblingsgedicht Nummer 4 – „Die innere Gestalt“

DIE INNERE GESTALT

Mich erschreckt das Bild,
das der Spiegel malt:
Ein Verächter wild,
ein Zerbrochner bald;
denn ich weiß es gut,
daß ich Flamme bin:
Eine steile Glut
und der Gott darin –

Ja, der Gott darin,
o wie oft entweiht!
Doch von Anbeginn
vor der Zeit gefeit,
und ein dauernd Licht
noch im Lastermal,
das die Frucht aufbricht
meiner Sünd und Qual.

All was sterblich ist,
weht um Aug und Mund,
doch die Seele mißt
ihren innern Grund,
sieht sich furchtlos stehn
in des Gotts Gewalt,
einen Jüngling schön,
schmale Huldgestalt.

O du ferne Zeit
mit dem holden Licht,
die voll süßem Leid
mir herüberspricht:
Wie das Leid mich hält,
bist du wieder mein,
und die irre Welt
will gebändigt sein.

Nach dem Ebenbild,
nach der Traumgestalt.
Ein Verächter wild,
ein Zerbrochner bald
singt den Kanon rein,
lebt zurück zum Lied.
Alles sonst ist Schein,
was an ihm geschieht.

(Entstehungsjahr: 1934;
erste Buchveröffentlichung: „Adel und Untergang“)

au-1934-a

Ein Kommentar zu “Lieblingsgedicht Nummer 4 – „Die innere Gestalt“

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