Lieblingsgedicht Nummer 10 – „Als ich noch lebte . .“

ALS ICH NOCH LEBTE . .

Jambus (scenicus)

Als ich noch lebte, lag mir das Gewand
des Körpers um wie eine Last, nicht schön
genug erschien mein Wandel, jeder Narr
vermaß sich des Gerichts, der Schwächste noch,
scheeläugiger Bezichtigung nie gram,
erheuchelte an meinem Tun zuletzt
sich seine Tugend, rettete sein Nichts
vor meinem All mit Hinweis auf mein Herz,
das schwach war und geneigt verstehendem Gift . .

Wie zitterte, als ich noch lebte, dies
beklommne Etwas in der Brust, von Furcht
zu Furcht gepeitscht, und tiefer Jahr um Jahr
in Trauer fallend, mitvererbter Schuld
in gleichem Maß anheimgegeben wie
gehäufter Unbill, Menschennot und Krieg,
anheim dem Kummer um die Sprache, die
geschlagen floh, als ich noch lebte, ganz
geschlagen, so, daß keine Zuflucht mehr
sich bot, den Schmerz zu messen, keine Wahl
gestattet war und in das Tier hinab,
das röchelnde, der edle Ruf verfiel . .

Ist von des Sterbens letztem Krampf, der Qual,
die ihm vorausging (allem Menschsein gleich
nahm ich das Kreuz auf mich), ist von dem Tod
noch ein Erinnern? Was so wichtig schien,
als ich noch lebte, bloß ein Augenblick
im Rauschen der Äone, farblos steht
und fern dies Ungefähr im Nachgefühl
des Spätgebornen, der mit meinem Geist
hier Zwiesprach hält, als wäre nichts geschehn
inzwischen: millionenfacher Tod
nach meinem, millionenmal das Leid,
entzündet und verlöscht, und fortgesetzt
menschlicher Würde Kränkung, fortgesetzt
der Täter wilder Irrtum nicht geschehn . .

Wie lange bin ich tot? Wie lange schon
zu kränken nicht in jenem Reich, vor dem
die Brust, als ich noch lebte, Bangen trug?
Ich weiß es nicht. Die mörderische Zeit,
so furchtbar dem, der selbst noch zeitlich ist,
erstarb dem Geist. Der Toten schwebend Maß
ist meins und unzerstörbar hier wie dort.

Von gottgeweihtem Port ist mir erlaubt
zu reden, und es bleibt die Sprache nun
mein ein- und alles. Wie die Toten ja
erst rein die Sprache haben und in ihr
verherrlicht sind. Ich sehne mich nicht mehr
nach andrem. Hier ist Dauer. Hier erst bin
ich sicher mein. Kein klobiger Pirat
verrückt mir mehr den Satz von seinem Ort,
Blut ward Rubin und Träne Diamant,
und aus dem armen Erdenangesicht
wuchs ein Gestirn, verklärend Tag und Traum.

Wer lebte so wie ich? Und pochte so
mit hartem Knöchel an die Wand der Welt
und hätte gegen jede Zeit wie ich
sein randvoll Recht? Als ich noch lebte, mußt’
ich zu den Blumen gehn. Vorüber jetzt.
Von höherer Macht zur Herrschaft eingesetzt,
besteh ich auf der Macht: Ich lebe fort.
Dort war es Nacht. Hier nicht. Hier ist das Wort.

(Entstehungsjahr: 1940; erste Buchveröffentlichung: „Hier ist das Wort“, 1947)

Lieblingsgedicht Nummer 9 – „Sinfonia domestica“

SINFONIA DOMESTICA

Es ist nicht leicht (wir treiben
zu sehr im Gewohnten hin),
dir die Umwelt hier zu beschreiben,
in der ich lebe und bin.
Ein Rest bleibt ungesagt.

Du denkst, die Heimat zu kennen.
Ich glaub, ich kenne sie auch.
Und kannst doch die Dinge nur nennen:
hier Busch, hier Baum, hier Strauch –
Aber: Wird es zum Bild?

Da siehst du die Hügelwellen
sich werfen im gelben August.
Die Himmel wechseln mit schnellen
Bildern der Trauer und Lust ­–
Groß sind die Himmel bei uns.

Immerzu geben die Winde
kleine Unruh dem Land.
Daß uns die Müh nicht schwinde,
reißt uns der Sonnenbrand
handbreit die Erde auf.

Dunkle Stellen von Wäldern,
Richtbäumen und Alleen
kannst du zwischen den Feldern
edler aufgeteilt sehn,
als das ein Künstler ersinnt.

Vom großen Gebirg im Süden
ist immer die Ahnung nah.
Die Föhne im März ermüden,
die Sternnächte schrecken dich da
seltsam stark und tief.

Zwar sind wir nicht einsam. Es betten
sich ringsum Dörfer genug.
Ich sehe allein von Kirchstetten
fünf Türme. Soeben schlug
es von dem in Ollersbach elf.

Am Abend kommen die Rehe
äsen bis an den Zaun.
Es schreit der Fasan und die Krähe
und ist ein ewig Geraun
und Gesumm und Gesang in der Luft.

Im Spätherbst freilich haben
wir Nebel und trostlosen Wind.
Das Land liegt offen. Begraben,
wie es die Toten sind,
sind wir im Jännerschnee.

Solche Wehen und Wächten
hast du nicht gesehn.
Im finstern Hohlweg möchten
keine Riesen bestehn.
Und der Weg ins Dorf ist lang . .

*

Da sitzen wir in der Halle,
und wochenlang kommt kein Gast.
Mit Brutzeln und lautem Knalle
bersten Scheiter und Knast
im mächtigen Kachelofen.

Im Sommer waren wir grade
zum Schlafen im sichern Haus.
Jetzt spüren wir erst die Gnade
soliden Ziegelbaus,
und der Hausrat wird uns lebendig.

Zögernd, mit Zweifelsmute,
(finster liegt draußen das Land)
nehm ich die alte, gute
Guitarre herab von der Wand:
„Wenn alle Brünnlein fließen . .“

Jetzt sind uns die derben Stühle
um den wuchtigen Tisch schon recht;
die braunen Balken der Diele,
das Schmiedeeisengeflecht
der Ampeln und schwarzen Leuchter;

die vielen hundert Dinge,
Bild und Model und Krug,
die ich in Zufalls Schwinge
mählich zusammentrug
wie ein Hamster die Körnlein.

Glaub mir, ein gut Teil Lebens
hangt an jedem Stück.
Manches wohl flüstert: „vergebens“;
aber es ist ja Glück
immer etwas Gewesnes.

Ich denk es, wie wir bei wilden
Stürmen, kein Wasser, kein Licht,
im Hause Einzug hielten.
Zwei Stühle, mehr gab es nicht,
so hockten wir dumm in der Küche.

Heut ist auf Böden und Zimmern
alles an seinem Ort.
im Keller unten schimmern
die Flaschen auf ihrem Bord,
und die Fässer bauchen sich blitzblank.

Wir haben Kartoffel gegraben,
wir haben Obstmost gepreßt.
Was uns die Sommer gaben,
ist wie ein Geschenk und ein Fest
in diesen langen Wintern.

Wir brauchen hier kein Theater.
Oft schaun wir stundenlang zu,
wie unser falber Kater
mit anmutvollem Getu
dem Hund nach den Lichtern tatzelt.

Es muß uns auch nichts ängsten.
Die Uhr tickt, fern ist die Welt.
Da lese ich an den längsten
Abenden, Mondlicht fällt,
aus meinen Lieblingsdichtern.

Laut lese ich, das Glas roten
Göttweigers nah bei der Hand:
Ein Lied des Wandsbeker Boten –,
Du bist Orplid, mein Land –,
der Droste erhabnes „Im Grase“.

Im Grase . . Es will schon tauen?
Es ist schon Februar.
Wir sollten zum Dorngraben schauen.
Dort blühten im vorigen Jahr
um diese Zeit schon Primeln . .

*

Du glaubst nicht, was so ein Garten
alles an Wartung braucht.
Noch immer ist Frost zu erwarten.
Aber der Dunghaufen raucht,
und der Schnee ist weg.

Jetzt darfst du ja nichts versäumen.
Gerätst du erst in den April
mit dem Großzusammenräumen,
tut jeder Baum, was er will,
und du erntest Ärger statt Obst.

Und hast du mit Schneiden, Putzen
und Pfropfen das deine getan,
dann fängt erst, jenseits vom Nutzen,
die richtige Arbeit an,
die du fürs Schöne tust.

Fürs Schöne sag ich? Fürs Gute!
Enkeln, unbekannt fern,
pflanz ich die junge Rute
des Baumes und tu es gern:
So stirbt nicht alles von mir.

Wir haben acht Weiden, sieben
Pappeln im Frühjahr zuletzt
und vierzig Lärchen (drei blieben
braun) und vier Eiben gesetzt –
meine Frau und ich.

Die kommen gemach, die Bäume.
So will ich zu jeder Frist,
auf daß ich mein Teil nicht versäume,
tun, was notwendig ist.
Auch „Ewigkeit“ ist nur ein Wort.

Der Wald steht wie ein Wächter.
Mein Haus, mein Grund, meine Art.
Für kommende Geschlechter
sei’s also aufbewahrt –
Ein Rest blieb ungesagt . .

(Entstehungsjahr: 1939; erste Buchveröffentlichung: „Kammermusik“, 1939)

Lieblingsgedicht Nummer 8 – „Symphonische Beichte“

SYMPHONISCHE BEICHTE

Wenn die Sphären mit Macht
ihre Wege dröhnen,
wenn die Sterne zur Nacht
durch den Weltraum tönen –

Wenn die Erde, so klein
vor dem großen Walten,
dennoch da will sein
mit Verderb und Erhalten –

Wenn die Blumen zart
wie Geschwister leben
und die Steine hart
ihnen Antwort geben –

Wenn im letzten Ding,
das der Schöpfer schuf,
sich ein Ruf verfing
in den andern Ruf:

*

Oh, dann nehmt das Gegebne in acht!
Was da ist, Gut und Bös, Tag und Nacht
will bestehn, will bestehn, will bestehn!
Sieh, es dreht sich, um schön sich zu drehn –

oh, es weht sich so schön als Gedicht
voller Tönung ins himmlische Licht,
und inmitten steht Gott und erweist
seine Liebe dem rhythmischen Geist.

*

Der Ruf verfing sich in den andern Ruf.
Welch eine Seligkeit, daß Er uns schuf.
Du warst gebunden, ausgesetzt, allein:
Ich will dir in Gefahr Gefährte sein.

Wir wollen, Weib und Mann, mit aller Lust
einander stürzen an die Liebesbrust.
Nichts wollen wir behalten, alles sei
dem andern hingegeben, groß und frei!

*

Lang’, scheu, bang
formt sich die Liebe, Lieb’ zum Zusammenklang.
Wo kommst du her? – Von dort. – Ich bin von hier. –
Du bist so anders. – Du auch. – Bleib bei mir!

Wie viele Länder hast du denn geschaut? –
Ich war schon dort, wo Gottes Güte blaut. ­–
Ich komme her von Nacht und Niedergang.
lang’, scheu, bang ..

*

Und so tönt es aus heiliger Schweige,
hoch von oben: Das erste, die Geige.
Und im weisen, im menschlichen Schritt
nimmt es Flöte, den Seelenton, mit.

Wie du weinst, wie du drängst, im Verein
mit den Brüdern bewiesen zu sein,
wie verführt, wie verwirrt dich Metall
von des Horns jach spornendem Schall.

Es versucht dich mit Lockung der Kraft.
Oh, der läuternden Leid-Leidenschaft!
Dieses dringlich ertönende Muß,
das die Herzen entreißt in den Schluß –

In dies purpurne Cellogetön,
das den Menschen erst ganz macht und schön.
Denn es ist ja nichts Bessres getan
als das Leiden, das standhält im Wahn.

*

Trotzt die Wurzel, hält das Leiden stand,
findet Trost zu Trauer, Hand zu Hand.
Süß und bitter, karg und früchtiglich
ehelichen und begatten sich.

Dieses Sinnbild der Geschlechtlichkeit
sei geweiht in alle Ewigkeit!
Nichts vom Schmerz des Zwiespalts haft’ ihm an!
Wie es tönt, so sei es wohlgetan!

Wenn ich priese – ach, ich preise doch – ­
wenn ich priese, wär es Mangel noch.
Dieses Königliche soll allein
Maß des Lebens und des Menschen sein!

Also juble ich den Stimmen zu.
Gib, o Baß, den Stimmen endlich Ruh!
Alles, was der Mensch in Händen hat,
ist von Stimmen reich, von Stimmen satt.

*

Sie rauschen, sie mehren sich.
Die Farben verqueren sich
hundertfältig im Raum.
Es ist ein Beben in Lüften.
Es steigen die Toten aus Grüften
und leben wie im Traum.

Die Toten sind uns Beweise
für das, was im Leben geschieht.
Die Toten wollen uns sagen,
daß sie uns weiterwagen –
So sind wir um Tote bemüht.
So sind wir ihnen zur Speise,
so sind wir um Tote bemüht.

*

Alles Lebendigen erste Ehre
heißt, daß Lebendiges sich bewähre.
Wie aber sonst als vor Toten
hielten wir stand den Geboten?

Wie und vor allem der Zeit?
Jede ist furchtbar und schreit.
Aber im Takt, der sie zwingt,
wird sie zur Ewe – und singt.

*

Was wagt sich da ins Leben? Halm und Helm,
die Unbill wie die Ehre, Fürst und Schelm.
Hört ihr? Vernehmt den ewigen Widerstreit,
der die Dämonen schmäht, die Götter weiht.

Es lassen aber die Dämonen sich
nicht schmähen: Ihre Macht ist fürchterlich.
Weh’ allem Ding, da es der Schöpfer schuf:
Der Ruf verfängt sich in den andern Ruf.

*

Oh, ist das Untere stark!
Bis ins Mark, Lebensmark
wirkts und vernichtet.
Brechen die Mächte ein,
wirst du schon schuldig sein,
schuldig sein, schuldig sein
und auch – gerichtet!

*

Du Zweifel an dem Sinn der Welt!
Geschöpf, in diese Qual gestellt,
wer soll dir helfen tragen?
Dein Straucheln nennst du Menschlichsein,
in deine wilde Pein hinein
beginnst du wild zu fragen.

Was ist mit Wildheit schon getan?
Das laute Wesen klagt, klagt an,
doch klagt nur seine Schwäche.
Ach, eine Flöte, fern und schön,
verklär mit fließendem Getön
die Blut- und Tränenbäche!

Der Eine, der es alles lenkt,
die Stimmen ineinander mengt,
er wird auch dich erkennen.
Auf daß du, hält er’s an der Zeit,
nach Warten, Nacht und Einsamkeit
ihn mögest Vater nennen.

*

Du warst allein so sehr.
Die Geige klagt nicht mehr.
Selbst der Posaunenschall,
selbst der Posaunenschall
versinkt im All.

Des Engels Stimme auch,
der ferne Flötenhauch.
Es hält im Röhricht Pan,
es hält im Röhricht Pan
den Atem an.

So Seligkeit wie Schuld
pausieren in Geduld.
Die Blume und der Stein,
die Blume und der Stein,
sie harren dein.

Da geht ein großes Licht
über dein Angesicht.
Und tief aus Menschengrund,
zutiefst aus Menschengrund
löst sich dein Mund.

*

Menschliche Stimme, dir neige
Flöte sich, Tuba und Geige!
Göttliche Sprache, dir diene
Harfe, Obo und Klarine!

Da uns die Sprache gegeben,
dürfen wir strebend entstreben.
Öffnet die Herzen! Vom Bösen
kann nur die Sprache erlösen.

Selig erleichternde Beichte!
Schwerstes verkehrst du ins Leichte.
Schuld, die da Worte gefunden,
ist schon im Geist überwunden,

ist in der Tat nur geschehen,
daß wir uns tiefer verstehen;
daß wir uns schöner versöhnen –
Kniet denn und trocknet die Tränen!

Steht denn und opfert die Zähren!
Wollet das Große verehren!
Wollet das Kleine verdienen!
Uns ist der Retter erschienen . .

(Entstehungsjahr: 1942; erste Buchveröffentlichung: „Hier ist das Wort“, 1947)