Lieblingsgedicht Nummer 6 −„Es wäre nicht Wien“

ES WÄRE NICHT WIEN

War net Wien, wann net durt,
wo kan Gfrett is, ans wurdt.
Denn dås Gfrett ohne Grund
gibt uns Kern, hålt’ uns gsund.

War net Wien, ging net gschwind
wieder amål der Wind,
daß der Staub wia net gscheit
umanandreißt die Leut.

War net Wien, wolltst zum Bier
und es stößert mit dir
net a B’soffener z’samm,
der a Feuer mächt ham.

War net Wien, wann net gråd
aufgråbn wurdt in der Ståd,
daß die Kübeln mit Teer
sperrn den Fremdenverkehr.

War net Wien, käm net glei
aner dasig vorbei,
der von d’ Federn aufs Stroh
g’rutscht is, so oder so.

War net Wien, Pepi, wannst
raunzen mächst und net kannst:
Denn dås Gfrett ohne Grund
gibt uns Kern, hålt’ uns gsund!

(Entstehungsjahr: 1935;
erste Buchveröffentlichung: „Wien wörtlich“, 1935)

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Lieblingsgedicht Nummer 5 –„Im Grase“

IM GRASE

Glocken und Zyanen,
Thymian und Mohn.
Ach, ein fernes Ahnen
hat das Herz davon.

Und im sanften Nachen
trägt es so dahin.
Zwischen Traum und Wachen
frag ich, wo ich bin.

Seh die Schiffe ziehen,
fühl den Wellenschlag,
weiße Wolken fliehen
durch den späten Tag –

Glocken und Zyanen,
Mohn und Thymian.
Himmlisch wehn die Fahnen
über grünem Plan:

Löwenzahn und Raden,
Klee und Rosmarin.
Lenk es, Gott, in Gnaden
nach der Heimat hin.

Das ist deine Stille.
Ja, ich hör dich schon.
Salbei und Kamille,
Thymian und Mohn,

und schon halb im Schlafen
– Mohn und Thymian –
landet sacht im Hafen
nun der Nachen an.

(Entstehungsjahr: 1936;
erste Buchveröffentlichung: „Späte Krone“, 1936)

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Lieblingsgedicht Nummer 4 – „Die innere Gestalt“

DIE INNERE GESTALT

Mich erschreckt das Bild,
das der Spiegel malt:
Ein Verächter wild,
ein Zerbrochner bald;
denn ich weiß es gut,
daß ich Flamme bin:
Eine steile Glut
und der Gott darin –

Ja, der Gott darin,
o wie oft entweiht!
Doch von Anbeginn
vor der Zeit gefeit,
und ein dauernd Licht
noch im Lastermal,
das die Frucht aufbricht
meiner Sünd und Qual.

All was sterblich ist,
weht um Aug und Mund,
doch die Seele mißt
ihren innern Grund,
sieht sich furchtlos stehn
in des Gotts Gewalt,
einen Jüngling schön,
schmale Huldgestalt.

O du ferne Zeit
mit dem holden Licht,
die voll süßem Leid
mir herüberspricht:
Wie das Leid mich hält,
bist du wieder mein,
und die irre Welt
will gebändigt sein.

Nach dem Ebenbild,
nach der Traumgestalt.
Ein Verächter wild,
ein Zerbrochner bald
singt den Kanon rein,
lebt zurück zum Lied.
Alles sonst ist Schein,
was an ihm geschieht.

(Entstehungsjahr: 1934;
erste Buchveröffentlichung: „Adel und Untergang“)

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