Lieblingsgedicht Nummer 7 – „Das reine Gedicht“

DAS REINE GEDICHT

Du gabst im Schlafe, Gott, mir das Gedicht.
Ich werde es im Wachen nie begreifen.
Nachbildend Zug um Zug das Traumgesicht,
nur sehnen kann ich mich und Worte häufen.

Da es ein Klang war, sollt ich es nicht hören?
Da es ein Bild war, sollt ich es nicht sehn?
Nun wird die Oberfläche mich betören,
im Tonfall wird der Klang zuschanden gehn.

Wie war es doch? Es war in seligem Traume.
Nur noch in solchem Wachsein lebe ich.
Die Augen schließend, raubt es mich dem Raume.
Traum schlägt den Blick auf, und ich schaue dich.

(Entstehungsjahr: 1921; erste Buchveröffentlichung: „Von beiden Ufern“, 1923)

VBU 1923

Ein Kommentar zu “Lieblingsgedicht Nummer 7 – „Das reine Gedicht“

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