Lieblingsgedicht Nummer 5 –„Im Grase“

IM GRASE

Glocken und Zyanen,
Thymian und Mohn.
Ach, ein fernes Ahnen
hat das Herz davon.

Und im sanften Nachen
trägt es so dahin.
Zwischen Traum und Wachen
frag ich, wo ich bin.

Seh die Schiffe ziehen,
fühl den Wellenschlag,
weiße Wolken fliehen
durch den späten Tag –

Glocken und Zyanen,
Mohn und Thymian.
Himmlisch wehn die Fahnen
über grünem Plan:

Löwenzahn und Raden,
Klee und Rosmarin.
Lenk es, Gott, in Gnaden
nach der Heimat hin.

Das ist deine Stille.
Ja, ich hör dich schon.
Salbei und Kamille,
Thymian und Mohn,

und schon halb im Schlafen
– Mohn und Thymian –
landet sacht im Hafen
nun der Nachen an.

(Entstehungsjahr: 1936;
erste Buchveröffentlichung: „Späte Krone“, 1936)

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Lieblingsgedicht Nummer 4 – „Die innere Gestalt“

DIE INNERE GESTALT

Mich erschreckt das Bild,
das der Spiegel malt:
Ein Verächter wild,
ein Zerbrochner bald;
denn ich weiß es gut,
daß ich Flamme bin:
Eine steile Glut
und der Gott darin –

Ja, der Gott darin,
o wie oft entweiht!
Doch von Anbeginn
vor der Zeit gefeit,
und ein dauernd Licht
noch im Lastermal,
das die Frucht aufbricht
meiner Sünd und Qual.

All was sterblich ist,
weht um Aug und Mund,
doch die Seele mißt
ihren innern Grund,
sieht sich furchtlos stehn
in des Gotts Gewalt,
einen Jüngling schön,
schmale Huldgestalt.

O du ferne Zeit
mit dem holden Licht,
die voll süßem Leid
mir herüberspricht:
Wie das Leid mich hält,
bist du wieder mein,
und die irre Welt
will gebändigt sein.

Nach dem Ebenbild,
nach der Traumgestalt.
Ein Verächter wild,
ein Zerbrochner bald
singt den Kanon rein,
lebt zurück zum Lied.
Alles sonst ist Schein,
was an ihm geschieht.

(Entstehungsjahr: 1934;
erste Buchveröffentlichung: „Adel und Untergang“)

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Lieblingsgedicht Nummer 3 – „Der Phäake“

DER PHÄAKE

Ich hab sonst nix, drum hab ich gern
ein gutes Papperl, liebe Herrn:
Zum Gabelfrühstück gönn ich mir
ein Tellerfleisch, ein Krügerl Bier,
schieb an und ab ein Gollasch ein,
(kann freilich auch ein Bruckfleisch sein),
ein saftiges Beinfleisch, nicht zu fett,
sonst hat man zu Mittag sein Gfrett.
Dann mach ich – es is eh nicht lang
mehr auf Mittag – mein’ Gesundheitsgang,
geh übern Grabn, den Kohlmarkt aus
ins Michaeler Bierwirtshaus.
Ein Hühnersupperl, tadellos,
ein Beefsteak in Madeirasoß,
ein Schweinspörkelt, ein Rehragout,
Omletts mit Champignon dazu,
hernach ein bisserl Kipfelkoch
und allenfalls ein Torterl noch,
zwei Seidel Göß – zum Trinken mag
ich nicht viel nehmen zu Mittag –
ein Flascherl Gumpolds, nicht zu kalt,
und drei, vier Glaserl Wermuth halt.
Damit ichs recht verdauen kann,
zünd ich mir mein Trabukerl an
und lehn mich z’rück und schau in d’ Höh
bevor ich auf mein’ Schwarzen geh.
Wann ich dann heimkomm, will ich Ruh,
weil ich ein Randerl schlafen tu
damit ich mich, von zwei bis vier,
die Decken über, rekreier’.
Zur Jausen geh ich in die Stadt
und schau, wer schöne Stelzen hat,
ein kaltes Ganserl, jung und frisch,
ein Alzerl Käs, ein Stückl Fisch,
weil ich so früh am Nachmittag
nicht schon was Warmes essen mag.
Am Abend, muß ich Ihnen sagn,
eß ich gern leicht, wegn meinen Magn,
Hirn in Aspik, Kalbsfrikassee,
ein kleines Züngerl mit Püree,
Faschierts und hin und wieder wohl
zum Selchfleisch Kraut, zum Rumpsteak Kohl,
erst später dann, beim Wein zur Not,
ein nett garniertes Butterbrot.
Glauben S’ nicht, ich könnt ein Fresser wern,
ich hab sonst nix, drum leb ich gern,
kein Haus, kein Auto, nicht einmal
ein G’wehr im Überrumplungsfall.
Wenn nicht das bissel Essen wär – –

(Stimme des Volkes:)
Segn S’, deswegn ham S’ nix, liaber Herr!

(Entstehungsjahr: 1935; erste Buchveröffentlichung: „Wien wörtlich“, 1935)

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