Kirchstetten, Ende Februar 2026
Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Mitglieder und Freunde der Josef Weinheber-Gesellschaft!
Im Herbst des vergangenen Jahres drängte sich rund um unseren traditionellen Weinheber-Nachmittag im Festsaal des Gemeindeamts von Kirchstetten eine Fülle an kleineren und größeren Veranstaltungen. Standen diesmal, von Ulli Fessl, Kurt Hexmann und Junko Tsuchiya wunderbar gestaltet, die Gedichte der späten zwanziger Jahre im Mittelpunkt der Kirchstettener Lesung (9. 11. 2025), so führte uns Thomas Girzick in Weinhebers Kalenderbuch „O Mensch, gib acht“ ein (23. 10.), und Alexander Blechinger bot als Eigenkomposition die Vertonung von Weinhebers kleinem Zyklus „Lob der Heimat“ dar (30. 9.). Weinheber-Gedichte zählten auch zum Programm der Wiener Präsentationen der Lyrikanthologie „Eisblumen“ (11. 9. und 16. 10), die unseren Mitgliedern schon vorweg als Jahresgabe für 2024/25 überreicht worden war.
Generalversammlung 2026
Für dieses Jahr möchte ich Sie zunächst auf die turnusmäßig anstehende Ordentliche Generalversammlung der Josef Weinheber-Gesellschaft aufmerksam machen. Sie findet am Freitag, den 12. Juni 2026 um 17 Uhr im Weinheber-Museum, Josef Weinheber-Straße 36, 3062 Kirchstetten statt. Eine offizielle Einladung mit der Tagesordnung liegt dem postalisch versandten Jahresbericht bei und wird auch auf diesem Online-Forum rechtzeitig kundgetan.
Über die nächste Etappe unserer Kirchstettener Weinheber-Nachmittage informieren wir Sie wie gewohnt im Frühherbst mit gesonderter Post. Der neue Zyklus dieser musikalisch begleiteten Lesungen wird sich nun dem Werk der frühen dreißiger Jahre widmen, einer besonders bewegten, ja entscheidenden Zeit im Schaffen des Dichters.
„Auf seinem Schild sterben“
Außerdem darf ich eine neue gedruckte Jahresgabe ankündigen, die allen Mitgliedern voraussichtlich im kommenden Sommer zugehen wird. Es wird sich um einen neuen Band unserer Schriftenreihe „Contineri Minimo“ handeln, der als Jahresgabe für 2026/27 zählt. Er bringt einen Essay des Germanisten Rainer Hillenbrand, der als Dozent an der Universität Pécs in Ungarn lehrt. Unter dem Titel „Den süßen Tod fürs Vaterland auf seinem Schild sterben“ geht Hillenbrand einem wichtigen Motiv der Lyrik nach. Er verfolgt dessen spannenden Bedeutungswandel von den antiken Ursprüngen über Hölderlin bis zur Moderne, gipfelnd in einer Interpretation der Ode „Auf seinem Schild sterben“ von Josef Weinheber. Das Gedicht aus dem Jahr 1933 gehörte einst zu den bekanntesten Werken des Autors und weist eine bewegte, aber von auffälligen Missverständnissen geprägte Geschichte auf. Diese aufschlussreiche literarhistorische Studie wollen wir unseren Mitgliedern – als Vorbote der im letzten Jahresbericht angekündigten größeren Vorhaben − in einem vom Verfasser dankenswerterweise gestatteten exklusiven Vorabdruck zugänglich machen.
Archivarische „Rettungsaktionen“
Um noch bei der Forschung zu bleiben: Der eigentliche Nachlass des Dichters wird bekanntlich von der Österreichischen Nationalbibliothek beherbergt. Es handelt sich im Wesentlichen um zwei, inzwischen glücklicherweise zusammengeführte Großbestände, die aus dem langwierigen Erbschaftsverfahren nach dem Tod Hedwig Weinhebers hervorgingen. Dennoch gibt es immer noch überraschende Neufunde im Autographenhandel zu verzeichnen, manchmal bloß kleine, wenn auch interessante Briefschaften, Manuskripte, Widmungsexemplare, manchmal aber auch gewichtigere Konvolute, die als durchaus bedeutende Ergänzungen zum Hauptnachlass betrachtet werden müssen.
Die öffentliche Hand kam ihrem Sammlungsauftrag in letzter Zeit jedoch nur noch sehr zögerlich nach – die Gründe mögen in den klammen Kassen des öffentlichen Haushalts ebenso wie in unter dem Einfluss des Zeitgeists veränderten Sammlungsgesichtspunkten zu suchen sein. So hat sich eine gewisse Notsituation aufgetan. Im Interesse der Weinheber-Forschung liegt es, bemerkenswerte neue Funde nicht aus den Augen zu verlieren und nach Möglichkeit für die Allgemeinheit zu sichern. Gegensätzlich zur nachlassenden Bereitschaft der öffentlichen Archive, diesem Bedürfnis nachzukommen, stehen die anhaltend hohen Preise, zu denen Weinheber-Autographen im Handel kursieren. Die Weinheber-Gesellschaft befindet sich also in einem Dilemma: Natürlich kann sie sich archivarischen Aufgaben bei weitem nicht mit der gleichen Kraft zuwenden wie eine staatliche Institution. Dennoch versucht sie unter dem Eindruck der derzeitigen widrigen Lage die eine oder andere „Rettungsaktion“ für Weinheber-Autographen zu unternehmen. Dabei ist sie ganz maßgeblich auf die finanzielle Unterstützung engagierter Personen aus ihrem Mitglieder- und Freundeskreis angewiesen.
Über zwei gelungene Erwerbungen, eine kleine und eine größere, möchte ich Sie diesmal informieren: Die erste Abbildung in diesem Bericht zeigt die Titelei eines Widmungsexemplars der Auswahl „Selbstbildnis“ in einer Feldpostausgabe aus dem Jahre 1943 (51.−70. Tsd.). Weinheber hat es Christine Dimt zugeeignet, die als Christine Busta (1915−1987) eine der bedeutendsten österreichischen Lyrikerinnen der Nachkriegszeit werden sollte, gleichrangig etwa neben Christine Lavant und Ingeborg Bachmann. Als Hörerin saß sie im Frühjahr 1944 in Weinhebers Wiener Vorlesungen „Über künstlerische Sprache und Sprachpflege“ und legte ihm erste eigene Gedichte vor.

für Christine Dimt (später Busta)
Beim zweiten Fall, von dem ich berichten möchte, hat man es mit etwas wirklich Ungewöhnlichem zu tun. Es handelt sich um den lange verschwunden geglaubten Personalakt zu Josef Weinheber, den die k. k. Post- und Telegraphen-Anstalt (später Post- und Telegraphendirektion Wien) geführt hat. Die drei weiteren Abbildungen geben Proben daraus. Im Herbst des vergangenen Jahres wurde der Akt von einem Wiener Antiquariat um eine beträchtliche Summe zum Verkauf angeboten und konnte mit Hilfe eines großzügigen und verdienstvollen Sammlers aus unserem Kreis gesichert werden.
Angesichts der Bedeutung dieses Autographenfundes will ich in diesem Rahmen etwas näher darauf eingehen, auch wenn ich das Forum der Jahresberichte mit Archivdetails ansonsten eher „verschont“ habe. Das Konvolut des Personalakts beginnt mit der Zeit, als Weinheber zunächst als „Postaspirant“ (1911) und dann als „Postoffiziant“ (1912) seine berufliche Laufbahn als Verwaltungsbeamter begann. Es führt bis zur vorläufigen „Beurlaubung gegen Wartegeld“ (wirtschaftskrisenbedingter Frühruhestand) 1932 im Rang eines „Inspektors i. P. u. T. D.“ und dem Antritt des regulären Ruhestandes 1937, und es endet mit einem Eintrag zum Tod, zur Einstellung des Ruhegenusses und zur „Anweisung des Todesfallsbeitrages“ an die Witwe.

gegenüber dem Kaiser, 1912

dem Bundesstaat Österreich, 1933
Zu dem Konvolut gehören mehrere Diensteide. Abgebildet sind im vorliegenden Bericht derjenige vom Dienstantritt, der Seiner Kaiserlichen Majestät Franz Joseph I. gegenüber zu leisten war (Abb. 2), sowie derjenige, den Weinheber 1933 dem Bundesstaat Österreich gegenüber erbringen musste (Abb. 3) − das war zugleich ein Loyalitätsbekenntnis, das jeder Beamte dem damals etablierten autoritären Dollfuß-Regime zu zollen hatte. Die Archivalie führt Buch über Dienstgradveränderungen, Gehaltsstufen, Leistungsbeurteilungen (samt offiziellen Rügen), sie verzeichnet Änderungen im Konfessions- und Familienstand und listet Urlaube und krankheitsbedingte Abwesenheiten auf. Unter diesen finden wir zum Beispiel untermauert, was aus anderen Quellen bisher erst andeutungsweise hervorging: dass Weinheber sich in den Jahren 1928, 1931 und 1932 mehrmals wegen nervlicher Zerrüttung und schwerer Depressionszustände in Behandlung begeben musste. Für Sommer 1928 ist ein zweimonatiger Aufenthalt im Sanatorium Rekawinkel vermerkt, für die Zeit vom 1. 8. bis zum 18. 9. 1932 liest man: „Nervenschwäche höheren Grades, Herzneurose, Depressionszustand“ (s. den abgebildeten Ausschnitt).

zu Josef Weinheber, „Krankheitsabwesenheit“
Das alles ergibt eine wichtige Informationsquelle zur Biographie, deren Novität nicht zu unterschätzen ist. Aus dem Nachlass des Dichters geht hervor, dass dieser Personalakt nach dem Krieg „in Verstoß geriet“, also im Amt nicht mehr auffindbar war, als die Witwe namens des Weinheber-Biographen Josef Nadler dort dazu vorstellig wurde. Nun ist er unter etwas rätselhaften Umständen wieder aufgetaucht. Wir sind dankbar, dass wir unter unseren Mitgliedern Unterstützer haben, die solche „Rettungsaktionen“ möglich machen!
In diesem Sinne bauen wir weiterhin auf Ihr Interesse und Ihre Treue zu unserer Sache! Mit guten Wünschen und herzlichen Grüßen für 2026 verbleibe ich
Ihr
Dr. Christoph Fackelmann
Präsident der Josef Weinheber-Gesellschaft