Jahresbericht 2022 / Programmausblick 2023

Kirchstetten, Mitte Februar 2023

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Mitglieder und Freunde der Josef Weinheber-Gesellschaft!

Eingangs muss ich Sie diesmal um Nachsicht dafür bitten, dass Sie dieser Jahresbericht mit einer gewissen Verspätung erreicht. Es galt noch einige organisatorische Angelegenheiten rund um die kommenden Veranstaltungen abzuklären, und so hat es etwas länger als sonst gedauert.

Zugleich ist das ein gutes Zeichen: Denn seit dem vergangenen Jahr ist es uns endlich wieder geglückt, zu einer gewissen Normalität zurückzufinden, was unsere Wirksamkeit nach außen betrifft. Allmählich fielen die Fesseln, die die gesundheitspolitischen Maßnahmen auch unserem ohnehin bescheidenen Tätigkeitsbereich auferlegt hatten, von uns ab. So konnten wir im vergangenen Herbst zum ersten Mal nach zweijähriger Pause wieder zu einer Weinheber-Lesung in den Festsaal der Weinheber-Gemeinde Kirchstetten laden. Begrüßt von Bürgermeister Josef Friedl, brillierten Ulli Fessl und Kurt Hexmann am 2. Oktober 2022 – früh genug, um einem damals noch befürchteten neuerlichen Herbst-„Lockdown“ zu entkommen – mit einem Programm, das unter dem Motto „Und alles, was ich sprach, bleibt ungesagt“ der Erinnerung an das letzte Gedichtbuch Josef Weinhebers, „Hier ist das Wort“, gewidmet war. Die Lesung wurde von Junko Tsuchiya am Klavier und Taner Türker am Cello wieder in hervorragender Weise musikalisch umrahmt. Das Publikum zeigte sich von der einfühlsamen Interpretation aller Künstler sehr angetan, wenn auch die Reihen, bedingt durch die Schatten von „Corona“, noch etwas schütter besetzt waren.

Schon vor den Sommerferien, am 22. Juni 2022, hatte eine erlesene Schar von Weinheber-Liebhabern am Landsitz des Dichters in Kirchstetten zu einem Sommertreffen zusammengefunden. Von der Familie Weinheber-Janota willkommen geheißen und gastfreundlich umsorgt, waren die zum Teil von weit her angereisten Teilnehmer zu einer Sonderführung durch die Museumsräumlichkeiten und an das Grab des Dichters geladen. Die schöne, von prächtigem Wetter gesegnete Veranstaltung klang mit Speis und Trank im alten Garten vor dem Hause aus.

Am 21. Oktober 2022 schließlich hielten wir die Ordentliche Generalversammlung der Weinheber-Gesellschaft ab. Mit großem Dank der Anwesenden für ihre lange und verdienstvolle Mitarbeit wurde dabei Frau Heide Bohrn auf eigenen Wunsch aus dem Vorstand entlassen. An ihrer Stelle durften wir Frau Bettina Vojta als neues Vorstandsmitglied begrüßen.

Neue Themen im Fokus

Im heurigen Frühjahr wollen wir auch die Vortragstätigkeit der Weinheber-Gesellschaft wieder aufleben lassen. Die Veranstaltungen finden jeweils bei freiem Eintritt im Weinhebersaal des Volksbildungskreises, Prinz-Eugen-Straße 44/3, 1040 Wien, statt. Im Anschluss locken ein Buffet und die Gelegenheit zum Austausch. Wir stellen im Folgenden die Vorträge kurz vor und laden Sie herzlich ein:

Dienstag, 21. März 2023, 18:00 Uhr

„Landsknecht in den Gärten des Todes.“ – Das ukrainische Kriegstagebuch des Dichters Wilhelm Franke

Vortrag von Dr. Christoph Fackelmann

Blick in das Kriegstagebuch Wilhelm Frankes, dazu Fotos aus seiner Soldatenzeit

Wilhelm Franke (1901–1979) wurde mit den Gedichtbüchern „Wanderer im Waldland“ (Julius Reich-Preis 1937) und „In dunklen Wäldern, auf silbernen Straßen“ (1939) bekannt. Als moderner Regionalist verschrieb er seine Lyrik fast ausschließlich dem niederösterreichischen Waldviertel, in dem er als Dorfschullehrer lebte. Josef Weinheber wurde früh auf ihn aufmerksam und trat nachdrücklich für ihn ein. Auch die jüngst aufgefundene Karte vom 18. April 1941, die auf der Titelseite dieses Jahresberichts abgebildet ist, gibt von der freundschaftlichen Zuneigung und dem Respekt Weinhebers Zeugnis: „(…) Sei nicht in Sorge, arbeite Du! Ich denke an Dich und verliere Dich nie aus den Augen. Bleib nur der große Dichter, der Du bist! (…)“

Von Oktober 1942 bis zum Zusammenbruch im Mai 1945 gehörte Franke als Gefreiter einer Wachkompanie der Wehrmacht an. Entlang des Dnjepr in der Ukraine, später in Rumänien, Ungarn und der Slowakei war sein Trupp im unmittelbaren Hinterland der Front mit der Bewachung von Kraftwerken und Brücken, dem Schutz von Fähren und Zügen und der Sicherung von Pässen betraut. Während dieser Zeit führte er ein Tagebuch, in dem sich poetische Schilderungen der östlichen Landschaften mit nüchternen Berichten über den Alltag des Krieges, das entbehrungsvolle Ausharren auf einsamen, versprengten Posten und das Elend von Flucht und Zerstörung verbinden. Zugleich dokumentiert er das eigene Ringen um das seelische Überstehen auf dieser vom Grauen überschatteten soldatischen Wanderschaft, die auch für sein Künstlertum zur großen Erschütterung wird: „Schwarze Gedanken nisten im Herzen. Gnadenarm huschen die Tage hin.“

Heute tobt wieder ein Krieg in der Ukraine. Aus diesem aktuellen Anlaß stellt der Vortrag das eindrucksvolle und noch unveröffentlichte Kriegstagebuch Wilhelm Frankes in Auszügen vor.

Dienstag, 16. Mai 2023, 18:00 Uhr

Ich bin nur Lied: Ich töne.“ – Weinheber-Vertonungen in Geschichte und Gegenwart

Vortrag von Mag. Harald Mortenthaler und Alexander Blechinger

Josef Weinheber und Richard Strauss im Gespräch, Aufnahme aus dem Jahr 1942

Josef Weinheber war selbst hochmusikalisch und setzte sich in seiner Lyrik schöpferisch mit den Möglichkeiten der Musik in der Sprachkunst auseinander. Der Zyklus „Kammermusik“, die „Symphonische Beichte“ und viele andere Werke dokumentieren dieses Bestreben. Es verwundert nicht, daß seine Gedichte bereits zeitgenössischen Komponisten immer wieder zur Vorlage für Vertonungen dienten. Die Reihe der Musikkünstler, die sich an Weinhebers Lyrik versuchten, ist lang. Sie umfasst große Namen wie Richard Strauss und Paul Hindemith. Der eine vertonte 1942, zum 50. Geburtstag des Dichters, zwei Weinheber-Gedichte. Außerdem integrierte er die „Terzinen auf Wien“ in Form eines Schlußchors in seine symphonische Dichtung „Die Donau“. Der andere vertonte im Rahmen seiner „Zwölf Madrigale“ von 1958 einige Gedichte Weinhebers, darunter „An einen Schmetterling“ und „Magisches Rezept“. Johann Strauß Enkel, um nur einige weitere Beispiele zu nennen, schuf 1936 eine Vertonung des kleinen Zyklus „Lob der Heimat“, den Weinheber als Auftragswerk eigens für den Wiener Männergesangs-Verein geschrieben hatte. 1943 wurde das „Lob der Heimat“ von Nico Dostal ein weiteres Mal als Konzertwalzer für Männerchor und Orchester in Noten gesetzt. Einen besonders beliebten Vorwurf bildeten auch die Monatsgedichte aus „O Mensch, gib acht“, die u. a. Robert Ernst, Ernst Pepping und Gerhard Schwarz aufgegriffen haben.

Bis in die Gegenwart hinein reicht die Anziehungskraft, die Weinhebers Gedichte auf Komponisten ausübt, wie etwa Alexander Blechingers eigene feinfühlige Vertonung der „Kammermusik“ verdeutlicht. Der Vortrag wirft, unterlegt mit zahlreichen Tonbeispielen, Schlaglichter auf diese reiche und durchaus vielfältige Landschaft der Begegnung zwischen Wort und Ton.

Literarische Entdeckungsfahrten

Zuletzt wollen wir Sie noch auf zwei Termine aufmerksam machen, bei denen die Weinheber-Gesellschaft nicht als Veranstalter fungiert; wohl aber wirkt sie daran mit. Die Mitglieder und Freunde der Gesellschaft sind daher sehr herzlich auch zu diesen Anlässen eingeladen, bei denen es sich in gewisser Weise um Fortsetzungen des letztjährigen Sommertreffens im Weinheberhaus handelt:

Die Schauspielerin Elisabeth-Joe Harriet gestaltet seit Jahren „literarische Entdeckungsfahrten“ in Zusammenarbeit mit dem Reiseunternehmer „Elite Tours“. Nun stehen am Montag, dem 12. Juni 2023, und am Montag, dem 25. September 2023, „Literarisch-historisch-kabarettistische Spuren in Kirchstetten und Totzenbach“ neu auf dem Programm. Jeweils in einem Tagesausflug geht es mit dem Reisebus von Wien (Treffpunkt Oper, 8 Uhr) nach Kirchstetten, wo am Vormittag das Weinheberhaus und das einstige Sommerhaus von Wystan H. Auden besucht werden (Führung: Brigitte Weinheber-Janota, Dr. Christoph Fackelmann). Am Nachmittag wechselt man nach Totzenbach, wo u. a. die mittelalterliche Kirche besichtigt wird (Führung: Dr. Marcel Chahrour). Anschließend öffnet Herbert Berger das in seinem Besitz befindliche renovierte Wasserschloss, in dessen schönem Festsaal Elisabeth-Joe Harriet und Kurt Hexmann zum Abschluss aus Werken Weinhebers und Audens lesen werden. Mit Blick auf die in Kirchstetten gedrehte Komödie „Hinterholz 8“, einen großen Kinoerfolg der jüngeren österreichischen Filmgeschichte, werden sie dabei auch den Kabarettisten Roland Düringer bedenken (Rückkehr ca. 19 Uhr).

Die Anmeldung für diese Tagesfahrten erfolgt über „Elite Tours“ (Tel. 01 / 513 22 25 oder E-Mail travel@elitetours.at; http://www.elitetours.at); die Kosten (einschließlich der Eintritte, Führungen und eines Mittagessens) betragen je € 354,00. Bitte nützen Sie die Gelegenheit und lassen Sie sich zu diesen besonderen Orten der „Weinheber-Landschaft“ geleiten!

Weitere Informationen und aktuelle Mitteilungen können Sie unserer Netzseite http://www.weinheber.net entnehmen. Auch stehen die Mitglieder des Vorstands der Weinheber-Gesellschaft Ihnen selbstverständlich wie immer gerne für Auskünfte und Anliegen zur Verfügung.

Mit guten Wünschen und herzlichen Grüßen verbleibe ich
Ihr

Christoph Fackelmann
(Präsident der Josef Weinheber-Gesellschaft)

„Du hältst mich in den Händen ganz und gar.“

Lyrik von Gertrud Kolmar, Elisabeth Langgässer und Oda Schaefer

Vortrag und Lesung von Christoph Fackelmann und Wolfgang Vasicek

17. Oktober 2020, 17:00 Uhr,
Kulturraum im „Quo vadis?“ Zentrum für Begegnung und Berufung (http://www.quovadis.or.at)
Wien I, Stephansplatz 6 / Zwettlerhof (im Durchgang zwischen Stephansplatz und Wollzeile)
Eine Veranstaltung der Kulturinitiative consideratio im Rahmen der Reihe „Gedichte hören“

Die drei Dichterinnen Gertrud Kolmar (1894–1943), Elisabeth Langgässer (1899–1950) und Oda Schaefer (1900–1988) wurden in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen im Umkreis des Berliner Avantgardeverlags „Die Rabenpresse“ und der Zeitschrift „Die Kolonne“ bekannt. Sie führten auf je eigene Weise einen besonderen Ton weiblicher Spiritualität in die lyrische Begegnung mit der Natur ein. Überschattet von Krieg und schweren persönlichen Schicksalen, schufen sie sich eine vielschichtig pulsierende Sprache des Traumes und der mythisch-mystischen Zwischenwelten.

Christoph Fackelmann und Wolfgang Vasicek stellen Proben aus dem Œuvre der Lyrikerinnen vor und geben Hinweise zum künstlerischen Standort dieser bis heute bezaubernden Poesie.

Aufgrund der beschränkten Plätze wird um Anmeldung gebeten:
w.s.vasicek@consideratio.org
http://www.consideratio.at/consideratio/kontakt

Ansonsten kann leider kein Platz garantiert werden. Der Veranstalter bittet angesichts der – pandemiebedingt – etwas erschwerten Umstände um Verständnis.

Neue Bücher, die mit Weinheber aufwarten

Verwiesen auf die eigenen vier Wände, sind diese Tage der Ausgangsbeschränkungen, des allgemeinen Alarmismus und der sozialen Kontaktsperren für uns die ideale Zeit zum Lesen, für Aufbrüche des Geistes und der Phantasie. Ganz frisch im Buchhandel sind zwei Bücher, die sich auch mit Josef Weinheber befassen. Wir legen sie den Weinheber-Freunden nachdrücklich ans Herz.

Das erste ist ein kultureller Reiseführer aus der beliebten Serie „111 Orte“ des Emons Verlags. Er trägt den Titel „111 Orte im Wienerwald, die man gesehen haben muss“. Die Autorin Sabine M. Gruber, die selbst in der Wienerwaldgemeinde Klosterneuburg lebt, hat für ihre vielfältigen und originellen Ausflugsempfehlungen, die der Verlag mit der Schlagzeile „Wildnis, wahre Kleinode und Kuriositäten“ bewirbt, auch dem Weinheberhaus in Kirchstetten einen Besuch abgestattet. Sie porträtiert das Landhaus, den einstigen Aigenhof, in dem seit 1937 Josef Weinheber seine Sommer verbrachte. Hier entstanden einige seiner bedeutendsten Werke; am Rande des großen Gartens liegt er begraben. Heute wohnt die Familie seines Sohnes Christian in dem Anwesen, und es gibt bereits eine Urenkelin des Dichters. Liebevoll und gastfreundlich wird das Andenken des Dichters aufrecht erhalten.

Das zweite Buch hat stärker gelehrten Charakter. Band 1 des neugeschaffenen „Lepanto-Almanachs“ führt in die Literaturgeschichte der Zwischenkriegszeit, und zwar aus christlicher Perspektive: In ihm sind Studien und Skizzen über Themen des Schreibens, Dichtens und Denkens versammelt, die dem gemeinsamen Bereich von Religion und Kunst entstammen und dem literarischen Niederschlag der abendländischenen Glaubenstradition nachspüren. Ein Schwerpunkt wendet sich dabei dem Dichter und historischen Schriftsteller Reinhold Schneider zu. In dem Grundlagen-Beitrag, der den Band eröffnet, interpretiert Christoph Fackelmann Gedichte von Reinhold Schneider, Francis Thompson, Karl Kraus und Josef Weinheber. Der Titel markiert die thematische Klammer: „Sprache, Form und die Fragwürdigkeit menschlichen Schöpfertums. Über die Spur der babylonischen Revolte in der neueren Literaturgeschichte“. Weinheber ist mit dem 1943 geschriebenen „Schlußghasel“ aus „Hier ist das Wort“ vertreten, in vielerlei Hinsicht ein echtes Vermächtnisgedicht.

Sabine M. Gruber: 111 Orte im Wienerwald, die man gesehen haben muss.
Broschur, ca. 240 Seiten, mit zahlreichen Forografien
ISBN 978-3-7408-0844-0, € 17,50 (AUT), € 16,95 /D)
http://www.emons-verlag.de

Klappentext: Von der Donau bis zum Gölsen-Triesting-Tal und vom Wiener Becken bis zum Tal der Traisen erstreckt sich der Gebirgszug des Wienerwalds. Hier findet man noch erstaunlich viel Wildnis, sogar in der pulsierenden Hauptstadt selbst, die größtenteils in dem nach ihr benannten Wald liegt. Auf Schritt und Tritt begegnet man Spuren aus mehr als 2.000 Jahren österreichischer Geschichte. Wahre Kleinode und Kuriositäten gibt es da zu entdecken, magische Kunst- und Kultorte, Zeugen alten Handwerks und früher Industrie, gigantische Wasserbauwerke, seltene Tiere, geheime Naturwunder, versteckte Ruinen, verblüffende Aussichtspunkte und Orte, die an schillernde Persönlichkeiten erinnern. Schon der Weg von einem Ort zum anderen wird zum Erlebnis. Und überall warten Geschichten, die sich zu Geschichte verweben.

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Lepanto-Almanach 2020_Cover

Michael Rieger, Till Kinzel, Christoph Fackelmann (Hrsg.): Lepanto-Almanach. Jahrbuch für christliche Literatur und Geistesgeschichte
Bd. 1 (2020), Schwerpunkt: Reinhold Schneider
Broschur, 264 S., Abbildungen
ISBN 978-3-942605-12-0, € 15,30 (AUT), € 14,80 € (D)
http://www.lepanto-verlag.de

Klappentext: Mit dem ersten Band des „Lepanto-Almanachs“ setzt der Lepanto Verlag, bekannt für Bücher zu theologischen, philosophischen und kirchengeschichtlichen Themen, einen neuen kulturellen Akzent: Als „Jahrbuch für christliche Literatur und Geistesgeschichte“ konzipiert und von den Literaturwissenschaftlern Michael Rieger, Till Kinzel und Christoph Fackelmann herausgegeben, liegt der Fokus hier auf dem Schreiben selbst. Einerseits sollen die historischen Schätze einer Literatur auf christlich-abendländischem Fundament diskursiv in Erinnerung gerufen werden, und andererseits will man auch nach den prekären Spielräumen christlich inspirierter Kunst und christlicher Autorschaft in unserer Zeit fragen. Der erste Band bietet u. a. einen Schwerpunkt zu Reinhold Schneider (1903–1958), einem zentralen Repräsentanten des deutschen „Renouveau catholique“.