Lieblingsgedicht Nummer 8 – „Symphonische Beichte“

SYMPHONISCHE BEICHTE

Wenn die Sphären mit Macht
ihre Wege dröhnen,
wenn die Sterne zur Nacht
durch den Weltraum tönen –

Wenn die Erde, so klein
vor dem großen Walten,
dennoch da will sein
mit Verderb und Erhalten –

Wenn die Blumen zart
wie Geschwister leben
und die Steine hart
ihnen Antwort geben –

Wenn im letzten Ding,
das der Schöpfer schuf,
sich ein Ruf verfing
in den andern Ruf:

*

Oh, dann nehmt das Gegebne in acht!
Was da ist, Gut und Bös, Tag und Nacht
will bestehn, will bestehn, will bestehn!
Sieh, es dreht sich, um schön sich zu drehn –

oh, es weht sich so schön als Gedicht
voller Tönung ins himmlische Licht,
und inmitten steht Gott und erweist
seine Liebe dem rhythmischen Geist.

*

Der Ruf verfing sich in den andern Ruf.
Welch eine Seligkeit, daß Er uns schuf.
Du warst gebunden, ausgesetzt, allein:
Ich will dir in Gefahr Gefährte sein.

Wir wollen, Weib und Mann, mit aller Lust
einander stürzen an die Liebesbrust.
Nichts wollen wir behalten, alles sei
dem andern hingegeben, groß und frei!

*

Lang’, scheu, bang
formt sich die Liebe, Lieb’ zum Zusammenklang.
Wo kommst du her? – Von dort. – Ich bin von hier. –
Du bist so anders. – Du auch. – Bleib bei mir!

Wie viele Länder hast du denn geschaut? –
Ich war schon dort, wo Gottes Güte blaut. ­–
Ich komme her von Nacht und Niedergang.
lang’, scheu, bang ..

*

Und so tönt es aus heiliger Schweige,
hoch von oben: Das erste, die Geige.
Und im weisen, im menschlichen Schritt
nimmt es Flöte, den Seelenton, mit.

Wie du weinst, wie du drängst, im Verein
mit den Brüdern bewiesen zu sein,
wie verführt, wie verwirrt dich Metall
von des Horns jach spornendem Schall.

Es versucht dich mit Lockung der Kraft.
Oh, der läuternden Leid-Leidenschaft!
Dieses dringlich ertönende Muß,
das die Herzen entreißt in den Schluß –

In dies purpurne Cellogetön,
das den Menschen erst ganz macht und schön.
Denn es ist ja nichts Bessres getan
als das Leiden, das standhält im Wahn.

*

Trotzt die Wurzel, hält das Leiden stand,
findet Trost zu Trauer, Hand zu Hand.
Süß und bitter, karg und früchtiglich
ehelichen und begatten sich.

Dieses Sinnbild der Geschlechtlichkeit
sei geweiht in alle Ewigkeit!
Nichts vom Schmerz des Zwiespalts haft’ ihm an!
Wie es tönt, so sei es wohlgetan!

Wenn ich priese – ach, ich preise doch – ­
wenn ich priese, wär es Mangel noch.
Dieses Königliche soll allein
Maß des Lebens und des Menschen sein!

Also juble ich den Stimmen zu.
Gib, o Baß, den Stimmen endlich Ruh!
Alles, was der Mensch in Händen hat,
ist von Stimmen reich, von Stimmen satt.

*

Sie rauschen, sie mehren sich.
Die Farben verqueren sich
hundertfältig im Raum.
Es ist ein Beben in Lüften.
Es steigen die Toten aus Grüften
und leben wie im Traum.

Die Toten sind uns Beweise
für das, was im Leben geschieht.
Die Toten wollen uns sagen,
daß sie uns weiterwagen –
So sind wir um Tote bemüht.
So sind wir ihnen zur Speise,
so sind wir um Tote bemüht.

*

Alles Lebendigen erste Ehre
heißt, daß Lebendiges sich bewähre.
Wie aber sonst als vor Toten
hielten wir stand den Geboten?

Wie und vor allem der Zeit?
Jede ist furchtbar und schreit.
Aber im Takt, der sie zwingt,
wird sie zur Ewe – und singt.

*

Was wagt sich da ins Leben? Halm und Helm,
die Unbill wie die Ehre, Fürst und Schelm.
Hört ihr? Vernehmt den ewigen Widerstreit,
der die Dämonen schmäht, die Götter weiht.

Es lassen aber die Dämonen sich
nicht schmähen: Ihre Macht ist fürchterlich.
Weh’ allem Ding, da es der Schöpfer schuf:
Der Ruf verfängt sich in den andern Ruf.

*

Oh, ist das Untere stark!
Bis ins Mark, Lebensmark
wirkts und vernichtet.
Brechen die Mächte ein,
wirst du schon schuldig sein,
schuldig sein, schuldig sein
und auch – gerichtet!

*

Du Zweifel an dem Sinn der Welt!
Geschöpf, in diese Qual gestellt,
wer soll dir helfen tragen?
Dein Straucheln nennst du Menschlichsein,
in deine wilde Pein hinein
beginnst du wild zu fragen.

Was ist mit Wildheit schon getan?
Das laute Wesen klagt, klagt an,
doch klagt nur seine Schwäche.
Ach, eine Flöte, fern und schön,
verklär mit fließendem Getön
die Blut- und Tränenbäche!

Der Eine, der es alles lenkt,
die Stimmen ineinander mengt,
er wird auch dich erkennen.
Auf daß du, hält er’s an der Zeit,
nach Warten, Nacht und Einsamkeit
ihn mögest Vater nennen.

*

Du warst allein so sehr.
Die Geige klagt nicht mehr.
Selbst der Posaunenschall,
selbst der Posaunenschall
versinkt im All.

Des Engels Stimme auch,
der ferne Flötenhauch.
Es hält im Röhricht Pan,
es hält im Röhricht Pan
den Atem an.

So Seligkeit wie Schuld
pausieren in Geduld.
Die Blume und der Stein,
die Blume und der Stein,
sie harren dein.

Da geht ein großes Licht
über dein Angesicht.
Und tief aus Menschengrund,
zutiefst aus Menschengrund
löst sich dein Mund.

*

Menschliche Stimme, dir neige
Flöte sich, Tuba und Geige!
Göttliche Sprache, dir diene
Harfe, Obo und Klarine!

Da uns die Sprache gegeben,
dürfen wir strebend entstreben.
Öffnet die Herzen! Vom Bösen
kann nur die Sprache erlösen.

Selig erleichternde Beichte!
Schwerstes verkehrst du ins Leichte.
Schuld, die da Worte gefunden,
ist schon im Geist überwunden,

ist in der Tat nur geschehen,
daß wir uns tiefer verstehen;
daß wir uns schöner versöhnen –
Kniet denn und trocknet die Tränen!

Steht denn und opfert die Zähren!
Wollet das Große verehren!
Wollet das Kleine verdienen!
Uns ist der Retter erschienen . .

(Entstehungsjahr: 1942; erste Buchveröffentlichung: „Hier ist das Wort“, 1947)

Rückkehr zu einem „Spätling der Gestalter“?

Zum Gedenken an den Lyriker Josef Weinheber

Von Christoph FackelmannCM 1_U1

Aus Anlaß des 70. Todestages von Josef Weinheber (* 9. März 1892, † 8. April 1945) veröffentlichen wir einen Vortrag, der im Herbst 2011 erstmals gehalten wurde. Für die Neuveröffentlichung wurde der Vortrag durchgesehen und erweitert. Wo er aus dem Blickwinkel von damals grundsätzlich auf die Situation der Erinnerungspflege und heutiger medialer Gedenkdiskurse eingeht, halten wir dies für unvermindert gültig und übertragbar.

Was ich Ihnen vermitteln möchte, kann in seiner notwendigen Begrenzung nicht mehr als Andeutung und Anregung bieten. Dazu soll allerdings einmal nicht der gewöhnliche Weg eingeschlagen werden, der einen Dichter fein säuberlich entlang der Chronologie seines Lebens und Schaffens zu „erklären“ bemüht ist. Stattdessen will ich eine Perspektive wählen, die gleichsam vom Ende her, aus der Situation der späten Jahre ein paar Schlaglichter auf das – eben durchaus ungewöhnliche – Phänomen Josef Weinheber zu werfen versucht.

Im Titel des Vortrags zitiere ich – von einem Fragezeichen begleitet – ein bekanntes Gedicht Weinhebers aus dem Juni 1943, das Schlußgedicht aus dem letzten von ihm selbst fertiggestellten Gedichtbuch. Dieses Buch nannte sich – mit programmatischer Wucht – „Hier ist das Wort“, es gelangte 1944 in den Druck, wurde aber, da die ersten Auflagen im zerbombten Leipzig verbrannten, zu Lebzeiten nicht mehr veröffentlicht (sondern erst posthum, 1947).

Ich halte „Hier ist das Wort“ für eines der wichtigsten Zeugnisse freien Geistes in der Gedichtliteratur jener Katastrophenjahre. In deutscher Sprache weiß ich ihm künstlerisch aus dieser Zeit nur wenig zur Seite zu stellen. Wollte man sich etablierter Begrifflichkeit bedienen, könnte man es als ein Dokument der „Inneren Emigration“ bezeichnen, vielleicht das bedeutendste in der österreichischen Literaturgeschichte. Aber das träfe den Sachverhalt nur halb und schief genug, ist das Werk doch in all seinem Widerspruchsgeist und Hingebungswillen ein Zeichen nicht des verschließenden Rückzugs, sondern der offenbarenden Behauptung im geistigen Raum. Nimmt man noch das nicht mehr vollendete Versglossarium hinzu, in dem Weinheber zur selben Zeit seine beißende Zeit- als Sprachkritik zu versammeln beabsichtigte – es ging aus demselben Ursprungskonzept hervor und erfuhr zu Lebzeiten des Autors ebenfalls nur Teilveröffentlichungen –, so fällt etwas Bemerkenswertes auf: Während man heute geneigt ist, Weinheber mit Blick auf die rufschädigende politische Begleitmusik allerspätestens für die vierziger Jahre als irgendwie satisfaktionsfähigen Schriftsteller abzuschreiben, entsteht ausgerechnet in dieser letzten Phase seines Lebens, den Zwängen und Nöten, den Facetten des persönlichen Scheiterns mühsam abgerungen, ein über die Maßen faszinierendes Vermächtnis. – –

Lesen Sie weiter: Der gesamte Essay ist hier als PDF verfügbar. Er bildet zugleich die erste Ausgabe der neuen Reihe „Contineri Minimo“, in der die Josef Weinheber-Gesellschaft ausgewählte kürzere Texte von und über Josef Weinheber veröffentlichen wird.