Jahresbericht 2025 / Programmausblick 2026

Kirchstetten, Ende Februar 2026

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Mitglieder und Freunde der Josef Weinheber-Gesellschaft!

Im Herbst des vergangenen Jahres drängte sich rund um unseren traditionellen Weinheber-Nachmittag im Festsaal des Gemeindeamts von Kirchstetten eine Fülle an kleineren und größeren Veranstaltungen. Standen diesmal, von Ulli Fessl, Kurt Hexmann und Junko Tsuchiya wunderbar gestaltet, die Gedichte der späten zwanziger Jahre im Mittelpunkt der Kirchstettener Lesung (9. 11. 2025), so führte uns Thomas Girzick in Weinhebers Kalenderbuch „O Mensch, gib acht“ ein (23. 10.), und Alexander Blechinger bot als Eigenkomposition die Vertonung von Weinhebers kleinem Zyklus „Lob der Heimat“ dar (30. 9.). Weinheber-Gedichte zählten auch zum Programm der Wiener Präsentationen der Lyrikanthologie „Eisblumen“ (11. 9. und 16. 10), die unseren Mitgliedern schon vorweg als Jahresgabe für 2024/25 überreicht worden war.

Generalversammlung 2026

Für dieses Jahr möchte ich Sie zunächst auf die turnusmäßig anstehende Ordentliche Generalversammlung der Josef Weinheber-Gesellschaft aufmerksam machen. Sie findet am Freitag, den 12. Juni 2026 um 17 Uhr im Weinheber-Museum, Josef Weinheber-Straße 36, 3062 Kirchstetten statt. Eine offizielle Einladung mit der Tagesordnung liegt dem postalisch versandten Jahresbericht bei und wird auch auf diesem Online-Forum rechtzeitig kundgetan.

Über die nächste Etappe unserer Kirchstettener Weinheber-Nachmittage informieren wir Sie wie gewohnt im Frühherbst mit gesonderter Post. Der neue Zyklus dieser musikalisch begleiteten Lesungen wird sich nun dem Werk der frühen dreißiger Jahre widmen, einer besonders bewegten, ja entscheidenden Zeit im Schaffen des Dichters.

„Auf seinem Schild sterben“

Außerdem darf ich eine neue gedruckte Jahresgabe ankündigen, die allen Mitgliedern voraussichtlich im kommenden Sommer zugehen wird. Es wird sich um einen neuen Band unserer Schriftenreihe „Contineri Minimo“ handeln, der als Jahresgabe für 2026/27 zählt. Er bringt einen Essay des Germanisten Rainer Hillenbrand, der als Dozent an der Universität Pécs in Ungarn lehrt. Unter dem Titel „Den süßen Tod fürs Vaterland auf seinem Schild sterben“ geht Hillenbrand einem wichtigen Motiv der Lyrik nach. Er verfolgt dessen spannenden Bedeutungswandel von den antiken Ursprüngen über Hölderlin bis zur Moderne, gipfelnd in einer Interpretation der Ode „Auf seinem Schild sterben“ von Josef Weinheber. Das Gedicht aus dem Jahr 1933 gehörte einst zu den bekanntesten Werken des Autors und weist eine bewegte, aber von auffälligen Missverständnissen geprägte Geschichte auf. Diese aufschlussreiche literarhistorische Studie wollen wir unseren Mitgliedern – als Vorbote der im letzten Jahresbericht angekündigten größeren Vorhaben − in einem vom Verfasser dankenswerterweise gestatteten exklusiven Vorabdruck zugänglich machen.

Archivarische „Rettungsaktionen“

Um noch bei der Forschung zu bleiben: Der eigentliche Nachlass des Dichters wird bekanntlich von der Österreichischen Nationalbibliothek beherbergt. Es handelt sich im Wesentlichen um zwei, inzwischen glücklicherweise zusammengeführte Großbestände, die aus dem langwierigen Erbschaftsverfahren nach dem Tod Hedwig Weinhebers hervorgingen. Dennoch gibt es immer noch überraschende Neufunde im Autographenhandel zu verzeichnen, manchmal bloß kleine, wenn auch interessante Briefschaften, Manuskripte, Widmungsexemplare, manchmal aber auch gewichtigere Konvolute, die als durchaus bedeutende Ergänzungen zum Hauptnachlass betrachtet werden müssen.

Die öffentliche Hand kam ihrem Sammlungsauftrag in letzter Zeit jedoch nur noch sehr zögerlich nach – die Gründe mögen in den klammen Kassen des öffentlichen Haushalts ebenso wie in unter dem Einfluss des Zeitgeists veränderten Sammlungsgesichtspunkten zu suchen sein. So hat sich eine gewisse Notsituation aufgetan. Im Interesse der Weinheber-Forschung liegt es, bemerkenswerte neue Funde nicht aus den Augen zu verlieren und nach Möglichkeit für die Allgemeinheit zu sichern. Gegensätzlich zur nachlassenden Bereitschaft der öffentlichen Archive, diesem Bedürfnis nachzukommen, stehen die anhaltend hohen Preise, zu denen Weinheber-Autographen im Handel kursieren. Die Weinheber-Gesellschaft befindet sich also in einem Dilemma: Natürlich kann sie sich archivarischen Aufgaben bei weitem nicht mit der gleichen Kraft zuwenden wie eine staatliche Institution. Dennoch versucht sie unter dem Eindruck der derzeitigen widrigen Lage die eine oder andere „Rettungsaktion“ für Weinheber-Autographen zu unternehmen. Dabei ist sie ganz maßgeblich auf die finanzielle Unterstützung engagierter Personen aus ihrem Mitglieder- und Freundeskreis angewiesen.

Über zwei gelungene Erwerbungen, eine kleine und eine größere, möchte ich Sie diesmal informieren: Die erste Abbildung in diesem Bericht zeigt die Titelei eines Widmungsexemplars der Auswahl „Selbstbildnis“ in einer Feldpostausgabe aus dem Jahre 1943 (51.−70. Tsd.). Weinheber hat es Christine Dimt zugeeignet, die als Christine Busta (1915−1987) eine der bedeutendsten österreichischen Lyrikerinnen der Nachkriegszeit werden sollte, gleichrangig etwa neben Christine Lavant und Ingeborg Bachmann. Als Hörerin saß sie im Frühjahr 1944 in Weinhebers Wiener Vorlesungen „Über künstlerische Sprache und Sprachpflege“ und legte ihm erste eigene Gedichte vor.

Abb. 1: Widmungsexemplar
für Christine Dimt (später Busta)

Beim zweiten Fall, von dem ich berichten möchte, hat man es mit etwas wirklich Ungewöhnlichem zu tun. Es handelt sich um den lange verschwunden geglaubten Personalakt zu Josef Weinheber, den die k. k. Post- und Telegraphen-Anstalt (später Post- und Telegraphendirektion Wien) geführt hat. Die drei weiteren Abbildungen geben Proben daraus. Im Herbst des vergangenen Jahres wurde der Akt von einem Wiener Antiquariat um eine beträchtliche Summe zum Verkauf angeboten und konnte mit Hilfe eines großzügigen und verdienstvollen Sammlers aus unserem Kreis gesichert werden.

Angesichts der Bedeutung dieses Autographenfundes will ich in diesem Rahmen etwas näher darauf eingehen, auch wenn ich das Forum der Jahresberichte mit Archivdetails ansonsten eher „verschont“ habe. Das Konvolut des Personalakts beginnt mit der Zeit, als Weinheber zunächst als „Postaspirant“ (1911) und dann als „Postoffiziant“ (1912) seine berufliche Laufbahn als Verwaltungsbeamter begann. Es führt bis zur vorläufigen „Beurlaubung gegen Wartegeld“ (wirtschaftskrisenbedingter Frühruhestand) 1932 im Rang eines „Inspektors i. P. u. T. D.“ und dem Antritt des regulären Ruhestandes 1937, und es endet mit einem Eintrag zum Tod, zur Einstellung des Ruhegenusses und zur „Anweisung des Todesfallsbeitrages“ an die Witwe.

Abb. 2: Beamten-Diensteid Josef Weinhebers
gegenüber dem Kaiser, 1912
Abb. 3: Beamten-Diensteid Josef Weinhebers gegenüber
dem Bundesstaat Österreich, 1933

Zu dem Konvolut gehören mehrere Diensteide. Abgebildet sind im vorliegenden Bericht derjenige vom Dienstantritt, der Seiner Kaiserlichen Majestät Franz Joseph I. gegenüber zu leisten war (Abb. 2), sowie derjenige, den Weinheber 1933 dem Bundesstaat Österreich gegenüber erbringen musste (Abb. 3) − das war zugleich ein Loyalitätsbekenntnis, das jeder Beamte dem damals etablierten autoritären Dollfuß-Regime zu zollen hatte. Die Archivalie führt Buch über Dienstgradveränderungen, Gehaltsstufen, Leistungsbeurteilungen (samt offiziellen Rügen), sie verzeichnet Änderungen im Konfessions- und Familienstand und listet Urlaube und krankheitsbedingte Abwesenheiten auf. Unter diesen finden wir zum Beispiel untermauert, was aus anderen Quellen bisher erst andeutungsweise hervorging: dass Weinheber sich in den Jahren 1928, 1931 und 1932 mehrmals wegen nervlicher Zerrüttung und schwerer Depressionszustände in Behandlung begeben musste. Für Sommer 1928 ist ein zweimonatiger Aufenthalt im Sanatorium Rekawinkel vermerkt, für die Zeit vom 1. 8. bis zum 18. 9. 1932 liest man: „Nervenschwäche höheren Grades, Herzneurose, Depressionszustand“ (s. den abgebildeten Ausschnitt).

Abb. 4: Ausschnitt aus dem Personalakt der Post- und Telegraphenanstalt
zu Josef Weinheber, „Krankheitsabwesenheit“

Das alles ergibt eine wichtige Informationsquelle zur Biographie, deren Novität nicht zu unterschätzen ist. Aus dem Nachlass des Dichters geht hervor, dass dieser Personalakt nach dem Krieg „in Verstoß geriet“, also im Amt nicht mehr auffindbar war, als die Witwe namens des Weinheber-Biographen Josef Nadler dort dazu vorstellig wurde. Nun ist er unter etwas rätselhaften Umständen wieder aufgetaucht. Wir sind dankbar, dass wir unter unseren Mitgliedern Unterstützer haben, die solche „Rettungsaktionen“ möglich machen!

In diesem Sinne bauen wir weiterhin auf Ihr Interesse und Ihre Treue zu unserer Sache! Mit guten Wünschen und herzlichen Grüßen für 2026 verbleibe ich

Ihr

Dr. Christoph Fackelmann

Präsident der Josef Weinheber-Gesellschaft

Jahresbericht 2024 / Programmausblick 2025

Kirchstetten, Anfang März 2025

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Mitglieder und Freunde der Josef Weinheber-Gesellschaft!

Auch zu Beginn dieses Jahres ist es mir eine Ehre, mich mit dem traditionellen kleinen Falter bei Ihnen einzustellen, um über die Tätigkeiten und Vorhaben der Josef Weinheber-Gesellschaft zu informieren. Das Jahr 2024 hat mit der Verschickung der neuen Jahresgabe, der zweibändigen Lyrik-Anthologie Eisblumen, geendet. Eigentlich war dies schon für den Sommer angekündigt, aber die Fertigstellung der Publikation, bei der vor allem die aufwendige Quellenarbeit ins Gewicht fiel, verzögerte sich. Es war uns dann eine Erleichterung, dass es gelang, die Bücher wenigstens noch vor Weihnachten auf den Weg zu unseren Mitgliedern zu bringen. Ich hoffe nun, dass sie eine gute Aufnahme gefunden und Ihnen anregende Lektüre-Erlebnisse geschenkt haben. Es würde mich freuen, wenn Sie unter den Gedichten der Zeitgenossen Josef Weinhebers, die neben einer Auswahl seiner eigenen in der Anthologie aufgenommen wurden, Schönes, Interessantes und Überraschendes entdecken konnten.

Vorrang der Kunst

Was die sogenannte literarische Innere Emigration – der Begriff bezeichnet die nicht ins Exil ausgewichene und dennoch um künstlerische und weltanschauliche Unabhängigkeit vom Totalitarismus bemühte Literatur der Jahre 1933−1945 − mit Josef Weinheber zu tun hat, konnte die Anthologie zumindest andeuten. Es ist heute natürlich alles andere als selbstverständlich, Weinhebers Werke vor diesem Hintergrund zu lesen. Viel zu eindimensional liegt der Fokus auf diversen Gesten der Willfährigkeit gegenüber dem Regime, die mit Weinhebers Person auch verbunden werden können. Früher, in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg, war das anders; damals verstand man durchaus, die kritische Dimension von Büchern wie Zwischen Göttern und Dämonen (1938), Kammermusik (1939) und Hier ist das Wort (1944/47) zu würdigen. Nicht, dass sich Weinhebers Werk überhaupt, so oder so, auf das „Politische“ reduzieren ließe. Nein, das wohl gerade nicht, und zwar ganz gleich, welcher Parteigängerschaft im ideologischen Bürgerkrieg des frühen 20. Jahrhunderts man ihn verdächtigen würde. Solange man in ihm nicht den Dichter und Künstler, sondern immer nur das Anhängsel irgendeiner politischen Bewegung erblickt, ist alle Diskussion müßig.

Umso wichtiger ist es, auch den Leser der Gegenwart darin zu schulen, das Vielschichtige und Komplexe einer Erscheinung wie Weinheber zu erkennen und sich nicht auf Stereotype zu verlassen, wie sie uns der eilfertige, längst zum Ritual erstarrte Umgang mit jener Vergangenheit aufdrängt − einer Vergangenheit, die scheinbar noch so nah, in Wirklichkeit aber schon viel ferner und damit fremder ist, als wir wahrhaben wollen. Am 8. April 2025 werden es acht Jahrzehnte sein, seit Josef Weinheber diese Welt verließ. Das ist gewiss kein großer runder Anlass des Gedenkens. Aber er sollte uns sicherlich wert sein, solche und andere Fragen zu stellen. Die Weinheber-Gesellschaft hat es sich mit ihren Veranstaltungen und Veröffentlichungen schon früh zur Aufgabe gemacht, genauer hinzusehen und zu -hören. Aber ihre Kräfte sind sowohl personell als auch materiell stark begrenzt, wenn auch manch einer unter ihren Unterstützern ihre Tätigkeit weit über den gewöhnlichen Mitgliedsbeitrag hinaus fördert. Das will ich bei dieser Gelegenheit einmal mehr sehr dankbar herausstreichen! Gleichzeitig möchte ich erneut die Einladung an Sie aussprechen, sich auch inhaltlich, mit Ideen, Plänen und durch Werbung, in die kulturelle Initiative einzubringen, die die Weinheber-Gesellschaft darstellen möchte.

Alte und neue Veranstaltungen

Wie ich schon im letzten Jahresbericht angekündigt habe, nötigen uns die „natürlichen“ Grenzen unserer Kapazität nach längeren, arbeits- und kostenintensiven Phasen auch wieder zu ruhigeren, bescheideneren Etappen. Meine Programmhinweise fallen daher erst einmal etwas knapper aus.

Über unsere prominent und kompetent besetzte Lesung in der Weinheber-Gemeinde Kirchstetten werden Sie in bewährter Weise gesondert durch die Einladungen informiert, die das Gemeindeamt versendet. Auch heuer wird sie wieder im November stattfinden, und wir hoffen, Sie und Ihre Freunde und Bekannten zahlreich begrüßen zu dürfen. Dass die Veranstaltung wirklich die kleine Reise an die Ausläufer des Wienerwaldes wert ist, hat sie im vergangenen Jahr wieder bewiesen. Unter der freundlichen Schirmherrschaft von Bürgermeister Josef Friedl eröffneten Ulli Fessl und Kurt Hexmann, am Klavier begleitet von Junko Tsuchiya, einen neuen Zyklus (s. Foto unten): Sie boten Gedichte und Texte aus den frühen zwanziger Jahren, als Josef Weinheber seine ersten Bücher veröffentlichte. Heuer werden wir in die zweite Hälfte jenes Jahrzehnts voranschreiten, in dem Weinheber künstlerisch zu sich selbst fand (während er an der mangelnden Beachtung, die seine Lyrik fand, schier zu verzweifeln drohte).

Von links nach rechts: Junko Tsuchiya (Klavier), Ulli Fessl und Kurt Hexmann,
Weinheber-Nachmittag am 10. November 2024 im Gemeindefestsaal von Kirchstetten
(Foto: Prof. Mag. Harald Mortenthaler)

Unsere Vortragsreihe im Weinhebersaal des Wiener Volksbildungskreises ist inzwischen auch schon gut eingeführt. Sie hat sich vor allem für Anlässe bewährt, die bewusst kein hochwissenschaftliches Ambiente voraussetzen und auch einen gemütlichen Austausch mit dem interessierten Publikum gut vertragen (Speis und Trank inbegriffen). Wortwörtlich zum Angreifen waren etwa die Objekte, um die es im vergangenen April ging, als wir „Autographenschätze und Neuentdeckungen rund um Josef Weinheber“ bewundern durften. Ein kleines Schnipsel aus dem damals Dargebotenen ziert übrigens die Titelseite dieses Jahresberichts: die Schwarzweiß-Fotografie eines (unbekannten?) Weinheber-Porträts aus den dreißiger Jahren (s. Foto unten). Es handelt sich um eine Einklebung in Weinhebers Handexemplar von Persönlichkeit und Schaffen (Ex libris: „November 1935“). Dieser Fund aus dem Besitz Hedwig Formaneks, der Nichte Hedwig Weinhebers, tauchte jüngst im Antiquariatshandel auf und konnte von einem verdienstvollen Mitglied unserer Gesellschaft erworben werden.

Heuer setzen wir die Reihe mit folgendem Abend fort:

Donnerstag, 23. Oktober 2025, 18:30 Uhr
Weinhebersaal des Volksbildungskreises, Prinz-Eugen-Straße 44/3, 1040 Wien (freier Eintritt)

MIT JOSEF WEINHEBER DURCH DAS JAHR
Ein Gang durch das Kalenderbuch „O Mensch, gib acht“

Vortrag und Lesung von Thomas Girzick
Begrüßung und Einführung: Dr. Christoph Fackelmann

Josef Weinhebers „erbauliches Kalenderbuch“ mit dem Nietzsche-Titel O Mensch, gib acht erschien 1937, zwei Jahre nach Wien wörtlich. Es ist das zweite humoristische Meisterwerk des Dichters und setzt sich aus zwölf Monatszyklen zusammen, die in liebevoll-augenzwinkernder Weise an die alten Traditionen bäuerlicher Kalenderverse anknüpfen, manchmal satirisch, manchmal ausgelassen sprachspielerisch, manchmal auch nachdenklich und besinnlich:

„Gib acht, o Mensch, was ich dir sag:
Ich zeig dir zwölfmal deine Plag,
dein Werk und Brauch im Monatslauf,
und geb auch ein paar Heilige drauf,
ein granum Weisheit misch ich drein,
was tun sollst und was lassen sein …“

Unser Mitglied Thomas Girzick unternimmt einen Gang durch das mit viel Kunstverstand und Esprit konzipierte Buch. Er stellt die verschiedenen Gesichter dieses unvergleichlichen lyrischen Jahrweisers vor.

Vignette von Hilde Schimkowitz zur Erstausgabe von
Josef Weinhebers Kalenderbuch O Mensch, gib acht (1937)

Nebenbei: Die eingangs erwähnte Anthologie Eisblumen wird heuer an zwei Terminen auch in Wien vorgestellt: zum ersten Mal am Donnerstag, den 11. September 2025 um 19:30 Uhr im Rahmen einer Verlagspräsentation (nähere Auskunft zum Veranstaltungsort unter info@lepanto-verlag.de), und zum anderen Mal im Programm der Österreichischen Goethe-Gesellschaft am Donnerstag, den 16. Oktober 2025 um 17:00 Uhr im Café Museum (Bibliothek), Operngasse 7, 1010 Wien. Auch zu diesen Veranstaltungen sind Sie selbstverständlich herzlich willkommen!

Neue Pläne

Unterdessen liegt das Hauptaugenmerk unserer publizistischen Arbeit zurzeit auf den schon in Aussicht gestellten neuen Bänden unserer Literaturwissenschaftlichen Schriftenreihe. Zunächst steht die schon lange erwartete Herausgabe der Briefe an Gerda Janota auf dem Plan − eines der letzten großen editorischen Desiderata der Weinheber-Forschung, ein Lückenschluss mit großer Aussagekraft. – Das aber sei hier nur kurz angemerkt; es ist noch viel zu tun, und der Aufwand ist nicht zu unterschätzen. Der Abschluss ist für 2026 in Aussicht genommen und würde dann unseren Mitgliedern als nächste gedruckte Jahresgabe vorgelegt.

Bitte schenken Sie dem Werk Josef Weinhebers weiterhin Ihre Aufmerksamkeit und Ihr Interesse und halten Sie uns die Treue! Mit guten Wünschen und herzlichen Grüßen für 2025 verbleibe ich

Ihr

Dr. Christoph Fackelmann
(Präsident der Josef Weinheber-Gesellschaft)

Hier können Sie den vollständigen Jahresbericht im PDF-Format herunterladen.

Jahresbericht 2023 / Programmausblick 2024

Kirchstetten, Mitte Februar 2024

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Mitglieder und Freunde der Josef Weinheber-Gesellschaft!

Es liegt ein durchaus arbeitsames und ergebnisreiches Jahr hinter der Josef Weinheber-Gesellschaft. Da war zum einen der herbstliche Höhepunkt unseres jährlichen Programms, die Weinheber-Lesung in Kirchstetten, dargeboten von dem beliebten und bewährten Duo Ulli Fessl und Kurt Hexmann, musikalisch begleitet − erstmals in dieser Besetzung − von Taner Türker und Harald Haslinger. Das Programm vom 8. Oktober 2023 stand unter dem Motto „Nichts als Geschöpfe aus Traum …“, die Leistungen der Künstler fanden großen Zuspruch beim Publikum, und diesmal zeigten auch die Besucherzahlen − nach den Corona-Nachwehen des vergangenen Jahres − wieder deutlich nach oben.

Zum anderen konnten wir einige Vortragsveranstaltungen über die Bühne des Weinhebersaals im Wiener Volksbildungskreis − unserem inzwischen bewährten Kooperationspartner für kleinere Anlässe − bringen. Am beachtlichsten war wohl der von Herrn Mag. Harald Mortenthaler kundig gestaltete Abend am 16. Mai 2023 zum Thema „Weinheber in der Musik“: Bei seinem Streifzug durch die Welt der Weinheber-Vertonungen − was gibt es da nicht alles an Schätzen zu heben! − wurde Mortenthaler von dem verdienstvollen Komponisten und Tenor Mag. Alexander Blechinger begleitet, der dabei auch einige schöne Weinheber-Kompositionen aus eigenem Schaffen zu Gehör brachte, am Klavier begleitet von Frau Aya Mesiti.

Am 21. März 2023 ging es um das neuentdeckte Kriegstagebuch des mit Weinheber befreundeten Schriftstellers Wilhelm Franke, ein bewegendes, erschütterndes, aber auch literarisch bemerkenswertes Zeugnis. Am 28. November 2023 stand unter dem Titel „Große Lyrik in stürmischer Zeit“ die Reihe Das Gedicht. Blätter für die Dichtung des Hamburger Verlegers Heinrich Ellermann im Mittelpunkt. In deren Rahmen war im Oktober 1935 auch eine Weinheber-Mappe erschienen, die erste eigenständige Veröffentlichung des Dichters in Deutschland. Abgerundet wurde das letztjährige Programm durch eine von Elisabeth-Joe Harriet liebevoll und unterhaltsam gestaltete Kulturfahrt, die am 12. Juni 2023 auf den Spuren Josef Weinhebers und Wystan H. Audens nach Kirchstetten und in das nahe gelegene Schloss Totzenbach führte.

Sammlungstätigkeit

Heuer werden wir voraussichtlich etwas kürzer treten müssen. Das hat auch damit zu tun, dass einige Publikationen vorangetrieben und abgeschlossen werden müssen, an denen die Weinheber-Gesellschaft teils editorisch, teils unterstützend mitwirkt. Das bindet Kraft und Kapazitäten; darüber weiter unten mehr. Zunächst gilt es aber noch einige höchst erfreuliche Zuwächse für unser Archiv zu vermelden. Das Sammeln von Autographen, Manuskripten und seltenen Buchbeständen gehört nicht zum zentralen Aufgabenbereich unserer Gesellschaft. Dafür fehlen auch die finanziellen Ressourcen. Dennoch sind wir bemüht, im Rahmen unserer begrenzten Möglichkeiten tätig zu werden, wenn es darum geht, interessante, für die Weinheber-Forschung wertvolle Dokumente, die an uns herangetragen werden, für die Nachwelt zu sichern.

Im vergangenen Frühjahr gelang so der Erwerb eines Konvoluts von bisher unbekannten Widmungsexemplaren und Briefen aus dem einstigen Besitz von Oswalda Lambrecht. Sie war eine begeisterte Weinheberianerin aus dem Kreis um den Maler Siegfried Stoitzner in der Wachau. Nach einer persönlichen Begegnung hat der Dichter ihr die Bücher Adel und Untergang, Wien wörtlich und Vereinsamtes Herz mit zum Teil ausführlichen Widmungseinträgen geschenkt. Aus zweien zeigen die Abbildungen im vorliegenden Falter Ausschnitte; besonders der Eintrag in Adel und Untergang ist bemerkenswert, besteht er doch − siehe unten − u. a. aus einer Niederschrift des ersten Sonetts aus dem Zyklus An die Nacht nach Michelangelo, ein Jahr danach in der Späten Krone zu lesen. Diese bisher unbekannte Vorfassung vom 12. September 1935 macht es nötig, die Entstehung des Gedichts entgegen der bisherigen Annahme entschieden früher anzusetzen.

Josef Weinheber: An die Nacht, Widmungsniederschrift in ein Exemplar von „Adel und Untergang“ für Oswalda Lambrecht, 1935

Die Abbildung unten zeigt die Widmung aus Wien wörtlich mit der Einklebung eines Fotoporträts. Dazu haben sich noch zwei wertvolle Briefe Weinhebers an Lambrecht erhalten, die wir Ihnen zu gegebenem Anlass ebenfalls erschließen wollen.

Josef Weinheber: Widmung für Oswalda Lambrecht aus einem Exemplar von „Wien wörtlich“, 1935

Im Herbst 2023 gelangte noch ein kleines Konvolut Briefkarten Weinhebers aus dem Nachlass des Wiener Mediziners Dr. Karl Krexner, eines einstigen Mitglieds unserer Gesellschaft, in unser Archiv − als Schenkung seiner Tochter Elisabeth Krexner, der an dieser Stelle noch einmal herzlich gedankt sei. Das Konvolut enthält u. a. eine Karte, die Weinheber am 8. Februar 1942 an den oben erwähnten Waldviertler Lyriker Wilhelm Franke gerichtet hatte.

Veranstaltungshinweise

Gelegenheit, Näheres über noch unbekannte Briefe und Manuskripte aus der Feder Josef Weinhebers zu erfahren und auch ausgewählte Originale zu Gesicht zu bekommen, gibt es in einer Veranstaltung im Frühling, zu der wir Sie ebenso wie zu einem Termin im Herbst herzlich einladen wollen:

Donnerstag, 18. April 2024, 18:00 Uhr

„Was vom Dichter blieb …“
Autographenschätze und Neuentdeckungen rund um Josef Weinheber

Präsentation und Diskussion mit Dr. Christoph Fackelmann

Der Abend gewährt Einblicke in ausgewählte Briefe und Dokumente, die in den letzten Jahren neu aufgefunden wurden oder noch weitgehend unbekannt in Archiven und Sammlungen schlummern. Was verraten sie uns über den Dichter, sein Leben und seine Zeit? Die anschließende Diskussion soll den Besuchern die Möglichkeit geben, Sammelstücke aus dem eigenen Besitz vorzustellen. Wofür interessieren Sie sich − auch über Weinheber hinaus −, wenn es um das Sammeln von seltenen Büchern und Autographen geht?

Donnerstag, 21. November 2024, 18:00 Uhr

Hofmannsthal − Kraus − Kafka.
Ein Blick auf die altösterreichische Moderne

Einführung von Dr. Christoph Fackelmann, mit Lesung und Tondokumenten

Im Jahr 2024 werden drei Jubiläen begangen, die herausragenden Schriftstellern der Klassischen Moderne gelten. Hugo von Hofmannsthal und Karl Kraus feiern jeweils ihren 150. Geburtstag, und Franz Kafkas Todestag jährt sich zum 100. Mal. Alle drei Autoren waren in der Habsburgermonarchie verwurzelt und erlebten dann den Zusammenbruch der altösterreichischen Welt, auf den sie in sehr unterschiedlicher Weise künstlerisch reagierten. Der Abend führt in ihr Schaffen ein und ruft ausgewählte Werke mit Hilfe von Tonaufnahmen und Leseproben in Erinnerung.

Die Veranstaltungen finden jeweils bei freiem Eintritt im Weinhebersaal des Volksbildungskreises, Prinz-Eugen-Straße 44/3, 1040 Wien, statt. Im Anschluss besteht Gelegenheit zu einem kleinen Imbiss und zum Austausch. In aktuellen Aussendungen werden wir Sie wie gewohnt über weitere Termine informieren. (Beachten Sie dazu bitte auch die Miteilungen auf http://www.weinheber.net.)

Neue Jahresgabe

Abschließend noch ein Wort zu der neuen gedruckten Jahresgabe, die wir für die Mitglieder der Josef Weinheber-Gesellschaft vorbereiten. Diesmal handelt es sich um eine umfangreiche Anthologie zur deutschsprachigen Lyrik der Zeit von 1933 bis 1945, ausgewählt und betrachtet unter dem Aspekt des „Nonkonformismus“. Dafür hat sich in der Literaturgeschichte die Bezeichnung „Innere Emigration“ herausgebildet − ein nicht unproblematischer Begriff, der in der Anthologie in verschiedene Richtungen hin abgesteckt und überprüft wird. Der Titel lautet Eisblumen. Nonkonformistische Lyrik im Dritten Reich, herausgegeben von Günter Scholdt, Christoph Fackelmann und Ruth Wahlster (s. das Cover unten). Das ist ein durchaus gewagtes Vorhaben, insofern es gezielt Autoren nebeneinanderstellt, die sehr unterschiedliche Weltanschauungen, Kunstauffassungen und Schicksale unter der NS-Herrschaft aufweisen. Dabei soll es vorrangig darum gehen, in einer repräsentativen Zusammenschau den Reichtum, die Vielfalt und Bedeutung der in diesen Jahren verfassten und gegen den Zeitgeist positionierten Lyrik vor Augen zu führen. Einige markante Gedichte Josef Weinhebers sind natürlich auch vertreten. − Ein Buch, das zur Neuvermessung eines vergessenen Terrains beitragen möchte.

Wir planen, Ihnen diese ungewöhnliche Anthologie als Jahresgabe für 2024/25 noch vor dem Sommer vorzulegen. Anschließend werden wir uns der Vorbereitung eines weiteren Bandes der Literaturwissenschaftlichen Schriftenreihe der Josef Weinheber-Gesellschaft widmen, um mit neuen Studien und Quellenveröffentlichungen zum tieferen Verständnis unseres Dichters beizutragen.

Bitte schenken Sie unseren Vorhaben weiterhin Ihr Interesse und Ihre Unterstützung! Mit guten Wünschen und herzlichen Grüßen für 2024 verbleibe ich

                                               Ihr

Dr. Christoph Fackelmann

(Präsident der Josef Weinheber-Gesellschaft)

Hier können Sie den vollständigen Jahresbericht im PDF-Format herunterladen.